Familien von Drogenkonsumierenden: gesundheitliche und soziale Maßnahmen

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Einleitung

Dieser Leitfaden ist einer von mehreren Publikationen, die unter dem Titel Gesundheitliche und soziale Maßnahmen im Umgang mit Drogenproblemen: ein europäischer Leitfaden zusammengefasst sind. Er bietet einen Überblick über die wichtigsten Aspekte, die bei der Planung oder Durchführung gesundheitlicher und sozialer Maßnahmen für Familien von Drogenkonsumierenden zu berücksichtigen sind, und gibt einen Überblick über die verfügbaren Maßnahmen und ihre Wirksamkeit. Darüber hinaus werden die Auswirkungen auf Politik und Praxis beleuchtet.

Zuletzt aktualisiert: 8. Dezember 2022.

Deckblatt Kurzleitfaden zum Thema Familien und Drogen: gesundheitliche und soziale Maßnahmen

Inhalt:

Überblick

Kernpunkte

Kinder und andere Familienangehörige von Drogenkonsumierenden können eine Reihe von gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden erleiden. Der Schwerpunkt dieses Kurzleitfadens liegt sowohl auf Familien von Erwachsenen mit Drogenproblemen als auch auf Familien von Kindern und jungen Menschen, die aufgrund von drogenbedingtem Verhalten Unterstützung benötigen. Familienangehörige können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie den Drogen konsumierenden Angehörigen unterstützen und ihn ermutigen, sich in Behandlung zu begeben. Familienangehörige können jedoch eine Reihe von Problemen im Zusammenhang mit dem Drogenkonsum ihres Angehörigen erleben, darunter Sorgen und psychische Belastungen, Belastungen für die familiären Beziehungen und finanzielle Sorgen.

Kinder, deren Eltern oder Sorgeberechtigten Drogenprobleme haben, können besonders gefährdet sein, aber viele Kinder, die mit einem Drogen konsumierenden Elternteil zusammenleben, erleiden keinen Schaden. Daher ist es wichtig, Kinder widerstandsfähig zu machen und zu unterstützen und zugleich ihre spezifischen Probleme zu ermitteln und anzugehen.

Familienangehörige können ebenfalls einen positiven Beitrag leisten, indem sie den Drogen konsumierenden Angehörigen unterstützen und ihn ermutigen, sich in Behandlung zu begeben.

Evidenzdaten und Maßnahmen

  • Spezielle Familienhilfsdienste, bei denen die Familienangehörigen selbst Hilfe und Unterstützung finden.
  • Unterstützung von Familienangehörigen, die elterliche Verantwortung für die Kinder eines Drogen konsumierenden Angehörigen übernehmen.
  • Angebot einer angemessenen Gesundheitsversorgung durch Ärzte in der medizinischen Grundversorgung, einschließlich evidenzbasierter Maßnahmen wie der 5-Schritte-Methode.
  • Angebot von Schulungen für Lehrkräfte und anderes Schulpersonal zu traumabezogenen Konzepten für den Umgang mit gefährdeten Kindern, um ein unterstützendes schulisches Umfeld zu gewährleisten.
  • Durchführung einer angemessenen Beurteilung der familiären Beziehungen bei Beginn der Drogenbehandlung und Unterstützung von Familienangehörigen, um deren Beitrag zu erfolgreichen Ergebnissen zu verbessern.
  • Spezialisierte Maßnahmen, wie intensive familienbasierte Therapie, verhaltensbezogene Paartherapie, mehrdimensionale Familientherapie und Ansätze in sozialen Netzwerken.
  • Entwicklung von Maßnahmen zur Schadensprävention, Förderung der Widerstandsfähigkeit und Unterstützung von Kindern, die vom elterlichen Drogenkonsum in verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung betroffen sind.
  • Trauerhilfe.

Die Situation in Europa

Die meisten Informationen über die Verfügbarkeit drogenbezogener Maßnahmen für Familien in Europa beziehen sich speziell auf Strategien und Maßnahmen, die auf Kinder von Drogenkonsumierenden abzielen oder diese einschließen. Die Bedeutung der Unterstützung von Kindern, die vom elterlichen Substanzkonsum betroffen sind, wird in der Politik der EU und in den Drogenstrategien der meisten EU-Länder anerkannt.

Es werden unterschiedliche Ansätze verfolgt, um sicherzustellen, dass geeignete Maßnahmen zur Unterstützung und Erfüllung der Bedürfnisse von Kindern in den verschiedenen Altersgruppen und unter verschiedenen Umständen zur Verfügung stehen. Zu den vorhandenen Ressourcen gehören die Europäische Plattform für Investitionen in Kinder (EPIC) und das Präventionsregister Xchange der EMCDDA.

Es liegen nur wenige Informationen über die Verfügbarkeit von Programmen zur Unterstützung erwachsener Familienangehöriger von Menschen mit Drogenproblemen in Europa vor. In einigen europäischen Ländern gibt es von Betroffenen geleitete nationale Hilfsangebote für Familien und Interessenvertretungen, in denen die Trauerhilfe häufig ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist. Diese Organisationen sind bisweilen auch an Kampagnen für oder der Bewerbung von Programmen zur Ausgabe von Naloxon beteiligt.

Wichtige Fragen im Zusammenhang mit Familien von Drogenkonsumierenden

Kinder und andere Familienangehörige von Drogenkonsumierenden können eine Reihe von gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden erleiden. Der Schwerpunkt dieses Kurzleitfadens liegt sowohl auf Familien von Erwachsenen mit Drogenproblemen als auch auf Familien von Kindern und jungen Menschen, die aufgrund von drogenbedingtem Verhalten Unterstützung benötigen. Familienangehörige können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie den Drogen konsumierenden Angehörigen unterstützen und ihn ermutigen, sich in Behandlung zu begeben. Familienangehörige können jedoch selbst mit einer Reihe von Problemen konfrontiert sein, darunter:

  • Sorgen und psychische Belastungen, die zu körperlichen und psychischen Erkrankungen führen;
  • Belastung der familiären Beziehungen mit einem potenziellen Verlust an sozialem Leben und einem verstärkten Gefühl der Isolation aufgrund der Stigmatisierung im Zusammenhang mit einem Angehörigen, der Drogen konsumiert;
  • finanzielle Sorgen, die mit der direkten und indirekten finanziellen Unterstützung der Drogenkonsumierenden verbunden ist, wozu auch die Betreuung von deren Kindern gehören kann;
  • die potenziellen Auswirkungen von Stress oder zusätzlichen Betreuungspflichten auf die Arbeitssituation;
  • Schäden durch Beziehungsgewalt oder körperlicher Missbrauch von Kindern;
  • Gefährdung durch Bedrohungen und Gewalt im Zusammenhang mit Drogenschulden und der Beteiligung des Drogen konsumierenden Angehörigen am illegalen Drogenmarkt.

Die konkreten Auswirkungen, die der Drogenkonsum einer Person auf ihre Familienangehörigen haben kann, variieren individuell und hängen von den persönlichen Umständen und der Beziehung zu der Person ab, die Drogen konsumiert. Auch wenn viele Drogenkonsumierende ihre elterliche Verantwortung gut wahrnehmen, benötigen einige von ihnen Unterstützung und manche Kinderbetreuungsaufgaben können eine große Herausforderung darstellen, was sich auf die Familie auswirken kann.  So müssen beispielsweise manche Eltern von Drogenkonsumierenden ihre Enkelkinder vorübergehend oder dauerhaft erziehen. Geschwister können vom chaotischen Verhalten der Drogenkonsumierenden beeinflusst werden. Möglicherweise fühlen sie sich auch von ihren Eltern vernachlässigt, deren Aufmerksamkeit auf das Drogen konsumierende Geschwisterkind gerichtet ist. Mitunter müssen Lebenspartner die alleinige Verantwortung für alle Aspekte des Familienlebens übernehmen, und sie fühlen sich manchmal, neben der Sorge um ihren Drogen konsumierenden Partner, schuldig und machen sich Sorgen über die Auswirkungen auf ihre Kinder.

Manchmal empfinden es Familien als notwendig, sich von der Drogen konsumierenden Person zu lösen, was weitere Probleme mit sich bringen und erhebliche psychische Auswirkungen haben kann. Unabhängig davon, ob Familien zusammenstehen oder nicht, kann der Schaden an den Beziehungen gravierend sein.

Kinder, deren Eltern oder Sorgeberechtigten Drogen konsumieren, sind unter Umständen besonders gefährdet, vor allem, wenn sie eine chaotische und unvorhersehbare Lebensweise haben. Die Erfahrungen von Kindern von Drogenkonsumierenden werden als „versteckter Schaden“ bezeichnet – ein Begriff, der sich auf zwei wesentliche Merkmale der Erfahrung bezieht: Kinder können auf unterschiedliche Weise als Folge einer beeinträchtigten Kindererziehung Schaden erleiden, und sie sind den einschlägigen Diensten häufig nicht bekannt oder werden von ihnen nicht unterstützt.

Die Schädigungen, denen Kinder ausgesetzt sein können, können je nach Alter und Art der Substanzen, die ihre Eltern konsumieren, sowie je nachdem, ob oder in welchem Umfang sich der elterliche Drogenkonsum auf ihre elterlichen Fähigkeiten auswirkt, variieren. Sie lassen sich in vier Hauptbereiche unterteilen: Gesundheit und Wohlbefinden, Bildung und kognitive Fähigkeiten, Beziehungen und persönliche Identität sowie emotionale und verhaltensbezogene Entwicklung. Tabelle 1 zeigt einige der Schäden oder Schwierigkeiten, die in verschiedenen Phasen der Kindheit auftreten können.

Tabelle 1: Übersicht der Bereiche mit potenziellen Auswirkungen auf Kinder durch elterlichen Substanzkonsum nach Entwicklungsphasen

Alter in Jahren

Gesundheit und Wohlbefinden

Bildung und kognitive Fähigkeiten

Beziehungen und persönliche Identität

Emotionale und verhaltensbezogene Entwicklung

0 bis 4

Neonatales Abstinenzsyndrom

Mangelhafte Hygiene und Ernährung

Versäumnisse bei Impfungen sowie Gesundheits- und Zahnuntersuchungen

Sicherheitsrisiken aufgrund unzureichender Beaufsichtigung

Körperliche Gewalt

Mangelnde Anregung aufgrund elterlicher Konzentration auf Drogen und eigene Probleme

Unregelmäßiger oder nicht stattfindender Besuch der Vorschule

Trennung von einem oder beiden biologischen Elternteilen

Probleme mit der Bindung an Eltern oder Sorgeberechtigte

Erwartbare Übernahme von übermäßiger Verantwortung

Emotionale Unsicherheit aufgrund des instabilen Verhaltens und der Abwesenheit der Eltern

Hyperaktivität, mangelnde Aufmerksamkeit, Impulsivität, Aggression, Depression und Angst – alles häufiger

Anhaltende Trennungsangst

Ungeeignete erlernte Reaktionen aufgrund des Miterlebens von Gewalt, Diebstahl und sexuellem Verhalten von Erwachsenen

5 bis 14

Versäumen von ärztlichen Schuluntersuchungen

Versäumen von zahnmedizinischen Untersuchungen

Mangelhafte Unterstützung in der Pubertät

Höhere Wahrscheinlichkeit für frühen Zigaretten-, Alkohol- und Drogenkonsum

Schulfehlzeiten, schlechte Vorbereitung und Konzentration aufgrund instabiler häuslicher Situation, insbesondere bei der Betreuung von Geschwistern

Erhöhtes Risiko für Schulausschluss

Beschränkte Freundschaften

Potenziell Übernahme von übermäßiger Verantwortung für Eltern oder Geschwister

Schlechtes Selbstbild und geringes Selbstwertgefühl

Mehr asoziales Verhalten bei Jungen; Depressionen, Angstzustände und Rückzug bei Mädchen

Emotionale Störungen und Verhaltensstörungen, z. B. häufiger Mobbing und sexueller Missbrauch

Ab 15

Erhöhtes Risiko für problematischen Substanzkonsum, Schwangerschaft und sexuell übertragbare Krankheiten

Mangelndes Bildungsniveau kann die langfristige Lebensqualität beeinträchtigen

Fehlen geeigneter Rollenmodelle kann sich auf die Beziehungen und die persönliche Identität auswirken

Höheres Risiko der Selbstschuld oder Schuld, erhöhtes Selbstmordrisiko

Höheres Deliktsrisiko und höheres Kriminalitätsrisiko

Quelle: Cleaver (2011) mit Ergänzungen von Peleg-Oren und Teichman (2006), ACMD (2003) und McGovern et al. (2018).

Die Risiken können erhöht sein, wenn:

  • das Kind mehreren Problemen ausgesetzt ist;
  • das Kind mit zwei Elternteilen mit problematischem Drogenkonsum zusammenlebt;
  • die Probleme gravierender sind;
  • die familiären Verhältnisse stark gestört sind.

Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Kinder unter verschiedenen und schwierigen Umständen aufwachsen können, ohne erhebliche Probleme zu entwickeln, und dass diese Kinder gute Ergebnisse erzielen. Daher ist es wichtig, Kinder widerstandsfähig zu machen und zu unterstützen und zugleich ihre Probleme zu ermitteln und anzugehen.

Neben der Unterstützung im Alltag kann die Familie eine wichtige Motivationsquelle und finanzielle Hilfe sein, um einen Angehörigen in die Lage zu versetzen, sein Drogenkonsumverhalten zu ändern und bei Bedarf eine Drogentherapie zu beginnen und fortzusetzen. Untersuchungen zeigen, dass es von Vorteil sein kann, Familien in die Therapie einzubeziehen.

Evidenzdaten und Maßnahmen in Bezug auf Drogenprobleme in Familien

Die Maßnahmen zur Bewältigung von Drogenproblemen, insbesondere behandlungsbezogene Maßnahmen, konzentrieren sich in der Regel den Drogenkonsumierenden selbst. Wenn erwachsene Familienangehörige in irgendeiner Weise einbezogen werden, erfolgt dies in dem Bewusstsein, dass die Familie eine wichtige Rolle in der Drogentherapie und bei der Verringerung des Konsums spielen kann. Eine mehrdimensionale Familientherapie ist beispielsweise eine umfassende familienbasierte Therapie für Jugendliche mit Drogenproblem und Verhaltensstörungen. Diese Therapieform hat zugunsten des Verbleibs in Behandlung und der Verringerung des Konsums als wirksamer erwiesen als die individuelle Psychotherapie.

Bei Beginn einer Drogenbehandlung kann eine Beurteilung der familiären Beziehungen von entscheidender Bedeutung sein, einschließlich der Anerkennung des Beitrags, den Familienangehörige zur Unterstützung der Person mit einem Drogenproblem leisten. Dies könnte typischerweise die Bereitstellung von Informationen und Aufklärung über den Drogenmissbrauch, die Ermittlung von Stressquellen, Vorschläge für den Umgang mit Rückfällen und die Förderung von Bewältigungsstrategien umfassen. Die Behandlungsdienste müssen die Vertraulichkeit der Patienten wahren, es können jedoch Protokolle entwickelt werden, die gegebenenfalls familiäre Unterstützung ermöglichen.

In letzter Zeit ist das Bewusstsein dafür geschärft worden, dass auch erwachsene Familienangehörige von Drogenkonsumierenden selbst von Diensten und Maßnahmen profitieren können. So können beispielsweise Betroffenengruppen und spezialisierte Unterstützungsdienste einen wertvollen Beitrag zur Verringerung der sozialen Isolation leisten. Weitere Dienstleistungen umfassen Trauerhilfe und Unterstützung für Sorgeberechtigte, z. B. Großeltern, die sich um die Kinder ihres Drogen konsumierenden Kindes kümmern.

Ärzte, die in der medizinischen Grundversorgung tätig sind, können ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Erkennung und Deckung der gesundheitlichen Bedürfnisse von Personen spielen, die vom Drogenkonsum eines Angehörigen betroffen sind. Eine Reihe von Programmen konzentriert sich auf die Deckung des Unterstützungsbedarfs erwachsener Familienangehöriger und die Unterstützung bei der Entwicklung von Bewältigungsstrategien. Ein Beispiel hierfür ist die 5-Schritte-Methode, für die sich eine Evidenzbasis herausbildet. Die 5-Schritte-Methode ist eine kurze psychosoziale Maßnahme, die speziell auf die Familienangehörigen von Drogenkonsumierenden ausgerichtet ist und sie als Menschen mit einem schwierigen Problem unterstützt.

Einige Menschen werden intensivere und spezialisierte Unterstützung benötigen, die durch Maßnahmen wie intensive familienbasierte Therapie, verhaltensbezogene Paartherapie, mehrdimensionale Familientherapie, Stärkung durch Gemeinschaft und Aufklärungsarbeit in den Familien sowie Ansätze in sozialen Netzwerken bereitgestellt wird.

Laut einer kürzlich veröffentlichten narrativen Übersichtsarbeit (McGovernance et al., 2021), bei der die nachteiligen gesundheitlichen und sozialen Folgen des Substanzkonsums eines nahen Angehörigen untersucht wurden, wirken verhaltensbezogene Maßnahmen wahrscheinlich zugunsten des sozialen Wohlergehens von Familienangehörigen (Verringerung der Beziehungsgewalt, Stärkung der Stabilität der Familie und Steigerung der Zufriedenheit mit den Beziehungen), wenn sie gemeinsam mit der Person, die Drogen konsumiert, durchgeführt werden. Des Weiteren wurde festgestellt, dass Familienangehörige von einer individuellen therapeutischen Maßnahme profitieren können. Es bedarf weiterer Forschungsarbeit, um aus mehreren Komponenten bestehende psychosoziale Maßnahmen zu entwickeln, mit denen die komplexen Schäden, denen von Substanzkonsum betroffene Familien ausgesetzt sind, in vollem Umfang angegangen werden können.

Maßnahmen, die auf die Bedürfnisse von Kindern eingehen, die vom elterlichen Drogenkonsum betroffen sind, fördern tendenziell die Widerstandsfähigkeit und bieten in verschiedenen Phasen der kindlichen Entwicklung Unterstützung. Viele dieser Programme richten sich an gefährdete junge Menschen im Allgemeinen und sind nicht speziell auf Kinder ausgerichtet, die vom elterlichen Drogenkonsum betroffen sind.

Familienprogramme konzentrieren sich im Allgemeinen auf die Verbesserung der elterlichen Kompetenzen und der Interaktion zwischen Eltern und Kindern und können positive Auswirkungen sowohl auf Eltern als auch auf Kinder haben und dadurch die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und die Entwicklungsergebnisse verbessern. Solche Initiativen können in einer Vielzahl von Entwicklungsstadien umgesetzt werden, auch wenn sich Inhalte und Schwerpunkte unterscheiden. Einige Programme, darunter „Incredible Years“, „Parent Management Training Oregon“ und „Triple P“, wurden für verschiedene Altersgruppen angepasst.

Schulische Programme, etwa schulbasierte Unterstützungsgruppen, und andere Projekte wie „Teen Club“, eine gemeinschaftsbasierte Gesundheitsmaßnahme, mit der risikoreiche Verhaltensweisen von Töchtern Substanzen konsumierender Eltern reduziert werden sollen, konzentrieren sich in erster Linie auf die Unterstützung junger Menschen bei der Verbesserung ihrer Bewältigungsstrategien und der Förderung ihrer Widerstandsfähigkeit (siehe Schulen und Drogen: gesundheitliche und soziale Maßnahmen und Gemeinschaften und Drogen: gesundheitliche und soziale Maßnahmen).

Die Auswertung der Evidenzdaten über die Wirksamkeit der Maßnahmen deutet darauf hin, dass wirksame Programme im Wesentlichen folgende Merkmale aufweisen:

  • Einbeziehung von Kindern und Eltern, um Möglichkeiten für positive Eltern-Kind-Interaktionen zu schaffen;
  • die Einbeziehung von Aufklärungskomponenten zur Vermittlung familiärer Kompetenzen;
  • Sicherung der Teilnahme an der Maßnahme durch den Aufbau von Vertrauen, das Angebot unterstützender Beziehungen zwischen Betroffenen und Aufklärung zum Thema Sucht; und
  • ausreichend Zeit – vorzugsweise mehr als zehn Wochen.

Auch stark maßnahmenbezogene Ergebnisse, wie programmbezogenes Wissen, Bewältigungsstrategien und familiäre Beziehungen, lieferten nachweisliche bessere Ergebnisse als längerfristige Ziele, die über einen längeren Zeitraum erreicht wurden, wie etwa die Entwicklung des Selbstwertgefühls und die Prävention des Einstiegs in den Substanzkonsum. Allerdings liegen nur in begrenztem Umfang Evidenzen zu längerfristigen Ergebnissen vor.

Es gibt Hinweise darauf, dass psychologische und soziale Maßnahmen für abhängige und nicht abhängige Substanzen konsumierende Eltern auch für ihre Kinder von Nutzen sein können, auch wenn der Schwerpunkt in erster Linie auf der Eindämmung des Drogenkonsums der Eltern liegt. In Fällen extremer Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern reichen Präventionsprogramme allein jedoch wahrscheinlich nicht aus, und Kinderschutzmaßnahmen können notwendig sein, um einzelne Kinder zu schützen.

Die Situation in Europa: Verfügbarkeit drogenbezogener Maßnahmen für Familien

Die meisten Informationen über die Verfügbarkeit von Maßnahmen für Familien von Drogenkonsumierenden in Europa beziehen sich speziell auf Strategien und Maßnahmen, die auf Kinder von Drogenkonsumierenden abzielen oder diese einschließen. Zu Maßnahmen für erwachsene Familienangehörige liegen weniger Daten vor.

Im Jahr 2013 verabschiedete die Europäische Union die Empfehlung für Investitionen in Kinder, in der die Bedeutung der Förderung des Wohlergehens von Kindern, des Schutzes der Kinderrechte, der Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung sowie der Förderung der sozialen Gerechtigkeit und des sozialen Schutzes für alle Kinder anerkannt wurde. Die Empfehlung spricht sich für Investitionen in Kinder aus, um den Kreislauf der Benachteiligung zu durchbrechen, und hat zur Einrichtung der Europäischen Plattform für Investitionen in Kinder (EPIC) geführt, die Informationen über evidenzbasierte Strategien und Programme zur Unterstützung von Kindern und Familien, die mit Herausforderungen und Bedrohungen konfrontiert sind, bereitstellt. Sie umfasst eine Plattform für den Austausch der besten politischen Maßnahmen für Kinder und Familien und zielt darauf ab, die Zusammenarbeit und das wechselseitige Lernen in diesem Bereich zu fördern. Die Xchange-Datenbank der EMCDDA enthält auch Beispiele für positiv bewertete Präventionsprogramme, die in Europa umgesetzt wurden.

Die Bedeutung der Unterstützung von Kindern, die vom elterlichen Substanzkonsum betroffen sind, wird auch in den Drogenstrategien der meisten EU-Länder anerkannt; auf nationaler Ebene werden jedoch unterschiedliche Ansätze verfolgt. In Irland wurde in mehreren Ministerien eine Politik mit geplanten und überwachten Maßnahmen entwickelt, um den Herausforderungen zu begegnen, mit denen sich Kinder von Drogen konsumierenden Eltern konfrontiert sehen. Im Rahmen dieser Maßnahmen können evidenzbasierte Elternbildungsprogramme eingeführt werden. In den Niederlanden wurde eine Reihe von evidenzbasierten Elternbildungsprogrammen eingeführt, die auf bestimmte gefährdete Gemeinschaften und Gruppen ausgerichtet sind.

Familienbasierte selektive Maßnahmen sind angabegemäß in fast allen Ländern verfügbar (siehe Abbildung).

Abbildung. Verfügbarkeit von familienbezogenen Maßnahmen für vom elterlichen Substanzkonsum betroffene Kinder, 2019

Verfügbarkeit von familienbezogenen Maßnahmen für vom elterlichen Substanzkonsum betroffene Kinder, 2019

Die Quelldaten für diese Grafik sind in der Tabelle auf dieser Seite verfügbar.

 
Land ISO code Angebotslevel
Österreich AT Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Belgien BE Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Bulgarien BG Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Kroatian HR Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Zypern CY Punktuelles Angebot: Dieses Angebot besteht nur an einigen wenigen relevanten Orten
Tschechien CZ Punktuelles Angebot: Dieses Angebot besteht nur an einigen wenigen relevanten Orten
Dänemark DK Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Estland EE Keine Informationen verfügbar
Finnland FI Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Frankreich FR Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Deutschland DE Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Griechenland EL Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Irland IE Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Italien IT Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Lettland LV Punktuelles Angebot: Dieses Angebot besteht nur an einigen wenigen relevanten Orten
Litauen LT Punktuelles Angebot: Dieses Angebot besteht nur an einigen wenigen relevanten Orten
Luxemburg LU Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Malta MT Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Niederlande NL Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Norwegen NO Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Polen PL Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Portugal PT Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)
Romania RO Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Slowakei SK Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Slowenien SI Flächendeckendes Angebot: Das Angebot besteht an nahezu allen relevanten Orten
Spanien ES Begrenztes Angebot: Das Angebot besteht an mehr als einigen relevanten Orten (aber nicht an der Mehrheit der Orte)
Schweden SE Weitreichendes Angebot: Das Angebot besteht an der Mehrheit der relevanten Orte (aber nicht in nahezu allen Orten)

Es liegen nur wenige Informationen über die Verfügbarkeit von Programmen zur Unterstützung erwachsener Familienangehöriger von Menschen mit Drogenproblemen in Europa vor. Einige Programme sind jedoch dokumentiert. In Irland beispielsweise unterstützte das frühere National Family Support Network, eine von Betroffenen geleitete Organisation, Netzwerke zur Unterstützung von Betroffenen im ganzen Land und sprach sich für Verbesserungen in Politik und Praxis aus. Darüber hinaus wird das Problem der Drogenverschuldung und drogenbedingter Bedrohungsdelikte in der nationalen Drogenstrategie Irlands anerkannt und es gibt ein Programm zu drogenbedingten Bedrohungsdelikten, das von der Polizei in Zusammenarbeit mit dem früheren National Family Support Network eingerichtet wurde. Ähnliche von Betroffenen geführte nationale Organisationen zur Unterstützung von Familien und zur Interessenvertretung finden sich auch in anderen europäischen Ländern. Die Trauerhilfe ist häufig ein wichtiger Bestandteil der Arbeit dieser Organisationen, die mitunter auch an Kampagnen für die Ausgabe von Naloxon oder der Bewerbung entsprechender Programme beteiligt sind.

Implikationen für Politik und Praxis

Grundlegendes

  • Familienangehörige von Drogenkonsumierenden können eine Vielzahl von Schäden erleiden und benötigen unter Umständen Unterstützungsdienste, die ihnen bei der Bewältigung dieser Schäden helfen.  Geeignete Maßnahmen sind beispielsweise medizinische Grundversorgung, um die Angst und den Stress zu verringern, mit denen sie konfrontiert sind, sowie Unterstützung durch Betroffene, Trauerhilfe und Unterstützung für Sorgeberechtigte.
  • Kinder, die vom elterlichen Substanzkonsum betroffen sind, sind einem erhöhten Risiko für eine Reihe von Schäden ausgesetzt, und es sind Programme erforderlich, um sie in verschiedenen Entwicklungsphasen zu unterstützen und widerstandsfähig zu machen. Dazu gehören familienbasierte Elternbildungsprogramme und -initiativen, die die Kinder selbst direkt unterstützen.
  • Die Bedürfnisse von Familienangehörigen und ihr potenzieller Beitrag zur Wirksamkeit von Drogenbehandlungen sollten in den drogenpolitischen Leitlinien und in der Praxis anerkannt werden.

Chancen

  • Die Einbeziehung der erwachsenen Familienangehörigen von Menschen mit Drogenproblemen in die Entwicklung von Politik und Praxis sowie in die Bereitstellung von Unterstützung durch andere Betroffene ist geeignet, das Angebot von Diensten im Allgemeinen und von Leistungen für Familienangehörige im Besonderen zu verbessern.

Differenz

  • Es liegen nur begrenzt Informationen zu Umfang und Art der für Familienangehörige zur Verfügung stehenden Maßnahmen vor; Forschung und Überwachung in diesem Bereich müssen verbessert werden.

Weitere Ressourcen

EMCDDA

Sonstige Quellen

  • Europäische Plattform für Investitionen in Kinder (EPIC).
  • McGovern, R., Smart, D., Alderson, H., Araújo-Soares, V., Brown, J., Buykx, P., Evans, V., Fleming, K., Hickman, M., Macleod, J., Meier, P. und Kaner, E. (2021), „Psychosocial interventions to improve psychological, social and physical wellbeing in family members affected by an adult relative's substance use: a systematic search and review of the evidence“, International Journal of Environmental Research and Public Health 18(4), S. 1793. doi:10.3390/ijerph18041793.

Literatur

Über diesen Leitfaden

Dieser Leitfaden bietet einen Überblick darüber, was bei der Planung oder Durchführung gesundheitlicher und sozialer Maßnahmen für Familien von Drogenkonsumierenden zu berücksichtigen ist, und gibt einen Überblick über die verfügbaren Maßnahmen und ihre Wirksamkeit. Darüber hinaus werden die Auswirkungen auf Politik und Praxis beleuchtet. Dieser Leitfaden ist einer von mehreren Publikationen, die unter dem Titel Gesundheitliche und soziale Maßnahmen im Umgang mit Drogenproblemen: ein europäischer Leitfaden zusammengefasst sind.

Empfohlene Zitierweise: Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (2022), Familien von Drogenkonsumierenden: gesundheitliche und soziale Maßnahmen, https://www.emcdda.europa.eu/publications/mini-guides/families-health-an....

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