Kurzinformationen für Politik und PraxisMaßnahmen zur Eindämmung von Problemen im Zusammenhang mit dem Konsum von Stimulanzien

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Problemstellungen

Insgesamt ist Kokain in Europa das am häufigsten konsumierte Stimulans, wenn auch in einigen Ländern MDMA, Amphetamin oder Methamphetamin womöglich noch weiter verbreitet sind.

Viele der durch den Konsum von Stimulanzien bedingten Schädigungen stehen mit einem intensiven, hochdosierten oder langjährigen Konsum in Zusammenhang. Der Einnahmeweg ist diesbezüglich ein wichtiger Moderator. So werden insbesondere der injizierende Konsum von Stimulanzien als auch das Rauchen von Crack oder Methamphetamin mit problematischeren Konsummustern in Verbindung gebracht. Jedoch können auch bei experimentellem oder gelegentlichem Konsum akute Probleme auftreten.

Stimulanzien werden entweder mit Blick auf eine bestimmte Wirkung, beispielsweise um auf Autofahrten oder bei der Arbeit länger wach zu bleiben, oder gemeinsam mit anderen in der Nachtclubszene konsumiert. Dementsprechend zielen einige der für die Eindämmung des Konsums von Stimulanzien geeigneten Maßnahmen auf bestimmte Settings ab oder überschneiden sich mit allgemeineren Maßnahmen zur Förderung der öffentlichen Gesundheit. Aufgrund der Settings, in denen Stimulanzien konsumiert werden, und der Tatsache, dass ihr Konsum mitunter in einem sexuellen Kontext steht, überschneiden sich die diesbezüglichen Maßnahmen insbesondere bei bestimmten Personengruppen unter Umständen mit Maßnahmen, die die Sexualgesundheit zum Gegenstand haben.

Mögliche Maßnahmen

  • Kurzinterventionen, Überweisungen in Behandlungsprogramme oder Schadensminimierungsdienste können angeboten werden, wenn Konsumenten wegen Vergiftungen oder hochdosiertem Konsum in Notaufnahmen Hilfe suchen.
  • Injizierende Konsumenten von Stimulanzien benötigen einen regelmäßigen Zugang zu Nadel- und Spritzenaustauschprogrammen, weil sie häufiger als Opioidkonsumenten während eines Rausches Injektionen vornehmen.
  • Womöglich sind aufsuchende Programme erforderlich, um Maßnahmen zur Schadensminimierung für Konsumenten von Stimulanzien durchzuführen, die andernfalls keine Dienste in Anspruch nehmen würden.
  • Psychosoziale Maßnahmen können bei der Behandlung problematischer Konsumenten von Stimulanzien wirksam sein. Es gibt keine pharmakologische Behandlung, für deren Wirksamkeit bei der Behandlung problematischer Konsumenten von Stimulanzien eine gute Evidenz vorliegt, jedoch haben sich einige Arzneimittel zur Behandlung von Depressionen als wirksam erwiesen, wenn es um den Verbleib von Amphetaminkonsumenten in der Behandlung geht.

Die Situation in Europa

  • In Europa entfällt der Großteil der Behandlungsnachfragen wegen des Konsums von Stimulanzien auf Kokainkonsumenten (63 000 Klienten im Jahr 2015), wobei die meisten Fälle in Spanien, Italien und dem Vereinigten Königreich zu verzeichnen waren. Hinsichtlich der Zahl der Erstklienten weisen die Daten eine stabile Tendenz aus. Weitere 7 400 Klienten nannten Crack als Primärdroge, wobei hier der größte Anteil auf das Vereinigte Königreich entfiel.
  • Im Jahr 2015 begaben sich etwa 34 000 Klienten wegen Problemen im Zusammenhang mit dem Konsum von Amphetamin und 9 000 wegen des Konsums von Methamphetamin in Behandlung, wobei die letztgenannte Droge in erster Linie in der Tschechischen Republik und der Slowakei angegeben wurde. Seit 2009 ist in Europa ein Anstieg der Zahl der Erstklienten zu beobachten, die sich wegen des Konsums von Amphetaminen in Behandlung begeben.
  • Nur sehr wenige Klienten nehmen wegen des Konsums von MDMA eine spezialisierte Drogenbehandlung auf; für diese Personengruppe spielen Maßnahmen zur Schadensminimierung auf Festivals und in der Nachtclubszene eine größere Rolle.

Überblick über die verfügbare Evidenz

Behandlung wegen des problematischen Konsums von Stimulanzien

Mögliche Maßnahme Qualität der Evidenz

Psychosoziale Maßnahmen sind geeignet, den Kokainkonsum durch die Beeinflussung mentaler Prozesse und der mit der Abhängigkeit verbundenen Verhaltensweisen zu senken.

Evidenz mittlerer Qualität

Disulfiram, das bei Alkoholabhängigkeit eingesetzt wird, sowie Arzneimittel zur Behandlung von Parkinson können Kokainkonsumenten helfen, ihren Konsum einzuschränken.

Evidenz geringer Qualität

Psychosoziale Therapien (einschließlich Kontingenzmanagement) zeitigen kurzfristig positive Ergebnisse bei Crack-Konsumenten/-Abhängigen.

Evidenz mittlerer Qualität

Es wurde festgestellt, dass einige Antidepressiva (Fluoxetin und Imipramin) kurz- und mittelfristig dazu beitragen, dass Amphetaminkonsumenten in der Behandlung verbleiben.

Evidenz geringer Qualität

Bei schwangeren Konsumentinnen von Stimulanzien können Arzneimittel zur Unterstützung der Entgiftung eingesetzt werden, jedoch werden sie nur für Klientinnen empfohlen, die Entzugserscheinungen zeigen.

Evidenz geringer Qualität

Zeichenerklärung

  • speedometer at highEvidenz höherer Qualität— mindestens eine aktuelle systematische Auswertung hochwertiger Primärstudien mit kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten sprechen für die Durchführung der Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden.
  • speedometer at mediumEvidenz mittlerer Qualität— mindestens eine aktuelle Auswertung einiger Primärstudien zumindest mittlerer Qualität mit insgesamt kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten lassen den Schluss zu, dass diese Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden, hilfreich sein dürften; es werden jedoch weitere Evaluierungen empfohlen.
  • speedometer at lowEvidenz geringer Qualität— einige Primärstudien hoher oder mittlerer Qualität, aber keine Auswertungen verfügbar ODER es liegen Auswertungen mit inkohärenten Ergebnissen vor. Es liegen gegenwärtig nur begrenzte Evidenzdaten vor, aber die verfügbaren Daten sind vielversprechend. Es könnte sich also unter Umständen lohnen, diese Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, insbesondere im Zusammenhang mit der Ausweitung von Diensten, um neue oder bislang nicht gedeckte Bedürfnisse zu erfassen; es sind jedoch Evaluierungen erforderlich.

Konsequenzen für Politik und Praxis

Grundlegendes

  • Im Zusammenhang mit dem Konsum von Stimulanzien treten in Abhängigkeit von den Konsummustern, den betroffenen Personengruppen und dem Setting, in dem sie konsumiert werden, unterschiedliche Probleme auf. Die diesbezüglichen Maßnahmen müssen daher auf die örtlichen Konsummuster und die zu beobachtenden Probleme zugeschnitten werden.
  • Zu den wichtigsten Maßnahmen zur Eindämmung der durch den Konsum von Stimulanzien verursachten Probleme zählen psychosoziale Therapien sowie Kurzinterventionen und Maßnahmen zur Schadensminimierung für injizierende Drogenkonsumenten.

Mögliche Maßnahmen

  • Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Diensten im Bereich der Sexualgesundheit und Drogenbehandlungseinrichtungen könnte die Wirksamkeit und Effizienz der von ihnen erbrachten Leistungen verbessern.

Defizite

  • Es müssen Maßnahmen zur Schadensminimierung für Konsumenten von Stimulanzien entwickelt und evaluiert werden.
  • Auf EU-Ebene sollten Forschungsarbeiten zur wirksamen pharmakologischen Behandlung der Abhängigkeit von Stimulanzien Priorität eingeräumt werden.