Kurzinformationen für Politik und PraxisHaftanstalten und Strafjustizsystem

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Problemstellungen

Unter Straftätern, die eine Haftstrafe antreten, sind höhere Prävalenzraten des Drogenkonsums (einschließlich des injizierenden Drogenkonsums) festzustellen als in der Allgemeinbevölkerung. Haftinsassen mit drogenbedingten Problemen sind häufig Wiederholungstäter und machen einen erheblichen Anteil der Strafgefangenen aus. Die internationalen Drogenübereinkommen verlangen nicht, dass der Konsum kontrollierter Substanzen mit einer Haftstrafe geahndet wird. Ungeachtet dessen wird eine erhebliche Zahl von Straftätern mit drogenbedingten Problemen wegen des Konsums oder Besitzes von Drogen zu einer Haftstrafe verurteilt. Viele weitere werden aufgrund anderer Drogendelikte inhaftiert, wie beispielsweise wegen Beschaffungsdiebstahls. Die komplexen medizinischen Bedürfnisse dieser Menschen müssen bei Haftantritt bewertet werden.

Da sie in aller Regel nur zu einigen Monaten Haft verurteilt werden, sind sie sehr mobil und haben regelmäßig Kontakt zur Allgemeinbevölkerung; dies hat Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit. Der Drogenkonsum in Haftanstalten stellt eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit und ein Sicherheitsrisiko für die Haftinsassen und das Personal der Haftanstalten dar. In einigen Ländern gibt der Konsum synthetischer Cannabinoide zunehmend Anlass zu Besorgnis.

Mögliche Maßnahmen

Alternativen zur Bestrafung: Werden drogenabhängige Straftäter dazu bewegt, sich in Behandlung zu begeben, so kann dies eine sinnvolle Alternative zu einer Haftstrafe darstellen. Es liegt eine hinreichende Evidenz für die Wirksamkeit einiger, wenn auch nicht aller dieser Ansätze im Hinblick auf die Senkung des Drogenkonsums und der Rückfallraten vor. Es sind mehr und bessere Evaluierungen unterschiedlicher Interventionsmodelle erforderlich.

Maßnahmen in Haftanstalten: Zwei wichtige Grundsätze für medizinische Interventionen in Haftanstalten betreffen deren Gleichwertigkeit mit dem Angebot in kommunalen Einrichtungen und die kontinuierliche Betreuung durch die Haftanstalten und die Anbieter in den Kommunen nach dem Haftantritt und der Entlassung. Das setzt voraus, dass in den Haftanstalten alle geeigneten Leistungen zur Prävention, Schadensminimierung und Behandlung angeboten werden, wobei besonderes Augenmerk auf den bei Haftantritt und bei der Entlassung erbrachten Leistungen liegen muss.

Die Situation in Europa

  • Gegenwärtig werden in 28 der 30 von der EMCDDA beobachteten Länder (28 EU-Mitgliedstaaten, Norwegen und die Türkei) in Haftanstalten opioidgestützte Substitutionstherapien angeboten.
  • Entgiftungsbehandlungen, Einzel- und Gruppenberatungen sowie therapeutische Gemeinschaften oder spezielle Behandlungsstationen sind in den Haftanstalten der meisten Länder verfügbar.
  • Tests auf Infektionskrankheiten sind in den Haftanstalten der meisten Länder verfügbar, allerdings werden nur selten Hepatitis-C-Therapien angeboten. Hepatitis-B-Impfungen werden den Meldungen zufolge in 16 Ländern durchgeführt.
  • Vier Länder berichten über das Angebot von Nadel- und Spritzenaustauschprogrammen in Haftanstalten.
  • In zahlreichen Ländern wurden Partnerschaften zwischen den Gesundheitsversorgungseinrichtungen in Strafvollzugsanstalten und Anbietern in den Kommunen aufgebaut, um eine kontinuierliche Betreuung nach dem Haftantritt und der Entlassung sicherzustellen.
  • Maßnahmen zur Vorbereitung auf die Haftentlassung und zur sozialen Wiedereingliederung werden in den meisten Ländern durchgeführt. Programme zur Eindämmung des Risikos einer Überdosierung bei injizierenden Opioidkonsumenten werden aus fünf Ländern gemeldet und umfassen Schulungsmaßnahmen sowie die Bereitstellung von Naloxon bei der Entlassung.

Überblick über die verfügbare Evidenz

Interventionen in Haftanstalten und im Strafjustizsystem

Mögliche Maßnahme Qualität der Evidenz

Opioidgestützte Substitutionsbehandlungen sind geeignet, die Zahl der Todesfälle unter opioidabhängigen Haftinsassen zu senken.

Evidenz mittlerer Qualität

Substitutionsbehandlungen sind auch in Haftanstalten wichtig für die Eindämmung des Risikoverhaltens im Zusammenhang mit dem injizierenden Konsum.

Evidenz mittlerer Qualität

Um Todesfällen durch Überdosierung in der ersten Zeit nach der Haftentlassung vorzubeugen, ist es wichtig, die kontinuierliche Weiterbehandlung durch kommunale Einrichtungen zu gewährleisten.

Evidenz mittlerer Qualität

Drogengerichtsprogramme (in den Vereinigten Staaten, wo die überwiegende Mehrheit der Studien durchgeführt wurde) können den Betroffenen helfen, finanziell unabhängig zu werden und einen Arbeitsplatz oder Zugang zum Bildungssystem zu finden, und damit die Rückfallrate senken.

Evidenz geringer Qualität

Einige Evidenzdaten sprechen dafür, dass eine gewissermaßen zwangsweise Behandlung, in deren Rahmen Menschen mit drogenbedingten Problemen aus dem Strafjustizsystem in Behandlungsprogramme überwiesen werden, ebenso wirksam sein kann wie eine freiwillig aufgenommene Behandlung.

Evidenz geringer Qualität

Psychosoziale Therapien senken den Anteil der weiblichen straffälligen Drogenkonsumenten, die erneut inhaftiert werden.

Evidenz geringer Qualität

Bei opioidabhängigen Straftätern kann eine Behandlung mit Naltrexon offenbar dazu beitragen, dass ein geringerer Anteil der Betroffenen erneut inhaftiert wird.

Evidenz geringer Qualität

Aufklärungs- und Schulungsmaßnahmen in Kombination mit der Ausgabe von Naloxon tragen dazu bei, die Mortalität infolge von Überdosierungen nach der Haftentlassung zu senken.

Evidenz geringer Qualität

Zeichenerklärung

  • speedometer at highEvidenz höherer Qualität— mindestens eine aktuelle systematische Auswertung hochwertiger Primärstudien mit kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten sprechen für die Durchführung der Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden.
  • speedometer at mediumEvidenz mittlerer Qualität— mindestens eine aktuelle Auswertung einiger Primärstudien zumindest mittlerer Qualität mit insgesamt kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten lassen den Schluss zu, dass diese Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden, hilfreich sein dürften; es werden jedoch weitere Evaluierungen empfohlen.
  • speedometer at lowEvidenz geringer Qualität— einige Primärstudien hoher oder mittlerer Qualität, aber keine Auswertungen verfügbar ODER es liegen Auswertungen mit inkohärenten Ergebnissen vor. Es liegen gegenwärtig nur begrenzte Evidenzdaten vor, aber die verfügbaren Daten sind vielversprechend. Es könnte sich also unter Umständen lohnen, diese Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, insbesondere im Zusammenhang mit der Ausweitung von Diensten, um neue oder bislang nicht gedeckte Bedürfnisse zu erfassen; es sind jedoch Evaluierungen erforderlich.

Konsequenzen für Politik und Praxis

Grundlegendes

  • Gemäß den Grundsätzen der Gleichwertigkeit und Kontinuität der Betreuung muss für Menschen mit drogenbedingten Problemen in Haftanstalten dasselbe Spektrum evidenzbasierter Interventionen bereitgestellt werden wie in den kommunalen Einrichtungen. Das damit betraute Personal (Mitarbeiter der Haftanstalten oder externe Fachkräfte) muss ordnungsgemäß für die Behandlung von Suchtkranken ausgebildet sein, und es muss Mechanismen geben, welche die Kontinuität der Behandlung sicherstellen. Besonders wichtig ist dies für Drogenkonsumenten mit kurzen Haftzeiten.
  • Die Vorbereitung auf die Haftentlassung sollte sowohl Maßnahmen zur Unterstützung der sozialen Wiedereingliederung als auch eine Aufklärung über die Prävention von Überdosierungen umfassen. Des Weiteren sollte die Ausgabe von Naloxon in Erwägung gezogen werden.
  • Alternativen zu einer Bestrafung werden in den internationalen Übereinkommen als mögliche sinnvolle Option für Straftäter mit drogenbedingten Problemen anerkannt.

Mögliche Maßnahmen

  • In Haftanstalten besteht unter Umständen die Chance, erheblichen Einfluss auf die Morbidität und Mortalität sowie auf die öffentliche Gesundheit zu nehmen. Zum einen können der illegale Opioidkonsum und das Risikoverhalten während der Haft sowie das Risiko einer Überdosierung nach der Entlassung eingedämmt werden, indem Haftinsassen mit drogenbedingten Problemen dazu bewegt werden, eine Behandlung aufzunehmen. Zum anderen besteht die Möglichkeit, jedem Strafgefangenen bei Haftantritt Tests auf Infektionskrankheiten und anschließend gegebenenfalls eine Behandlung anzubieten.
  • Die Steigerung der Inanspruchnahme von Alternativen zur Bestrafung durch die Überarbeitung der Regelungen für ihre Anwendung und die Beeinflussung der diesbezüglichen Haltung in der Allgemeinbevölkerung und in Fachkreisen ist geeignet, die langfristigen Ergebnisse zu verbessern und die Kosten für das Strafjustizsystem zu senken.

Defizite

  • Obwohl die Leitlinien der Vereinten Nationen und der WHO das Angebot von Maßnahmen zur Schadensminimierung (Nadel- und Spritzenaustauschprogramme, Ausgabe von Kondomen, sichere Tattoos) in Haftanstalten empfehlen, sind solche Maßnahmen gegenwärtig kaum verbreitet. Ein verstärktes Angebot dieser Maßnahmen könnte einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit der Betroffenen leisten.
  • Es sind Studien erforderlich, um die Evidenz für Alternativen zur Bestrafung zu erweitern, wobei ein besonderes Augenmerk auf den Gruppen, die am meisten davon profitieren können, und auf den Phasen der Strafverfolgung liegen muss, in denen diese Alternativen am besten angewendet werden können.

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