Kurzinformationen für Politik und PraxisEindämmung des Arzneimittelmissbrauchs

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Problemstellungen

Der Begriff Arzneimittelmissbrauch bezeichnet den Konsum verschreibungspflichtiger und rezeptfreier psychoaktiver Arzneimittel zur Selbstmedikation, als Freizeitdroge sowie zur Leistungssteigerung entgegen den geltenden medizinischen Leitlinien. Er wird mitunter auch im Zusammenhang mit einem polyvalenten Drogenkonsum beobachtet.

In zahlreichen europäischen Ländern gibt der steigende Arzneimittelmissbrauch zunehmend Anlass zur Besorgnis, insbesondere angesichts des erheblichen Anstiegs der Zahl der Todesfälle durch verschreibungspflichtige Opioidanalgetika in den Vereinigten Staaten. Allerdings bestehen hinsichtlich der Verschreibungspraxis deutliche Unterscheide zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.

Die folgenden Arzneimittelgruppen werden mit Missbrauch in Verbindung gebracht:

  • Sedativa und Hypnotika, einschließlich Barbituraten, Benzodiazepinen und Benzodiazepin-ähnlichen Arzneimitteln wie beispielsweise Z-Hypnotika.
  • Opioide, einschließlich Schmerzmitteln und Arzneimitteln zur opioidgestützten Substitutionsbehandlung.
  • Zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) verschriebene Stimulanzien.

Diese Arzneimittel werden entweder verschrieben oder durch Ärzte- und Apothekenhopping, das Abzweigen von Arzneimittellieferungen für den illegalen Markt und über das Internet beschafft. Ein wichtiger Einflussfaktor für den Arzneimittelmissbrauch ist eine mangelhafte Verschreibungspraxis, sei es durch Überverschreibung, insbesondere im Rahmen der opioidgestützten Substitutionsbehandlung, oder durch Unterverschreibung, die dazu führen kann, dass der Patient versucht, sich selbst zu behandeln. Bewährte klinische Verfahren für die Verschreibung von Arzneimitteln im Rahmen der opioidgestützten Substitutionsbehandlung dämmen die Abzweigung und die mit dem Missbrauch dieser Arzneimittel verbundenen Schäden ein.

Mögliche Maßnahmen

  • Um geeignete Maßnahmen zu erarbeiten, ist es unerlässlich, Beobachtungen anzustellen, um Ausmaß und Art des Problems zu ermitteln. Neben den zentralen epidemiologischen Indikatoren und Pharmakovigilanz-Systemen können dabei Krankenhausdaten über medizinische Notfälle im Zusammenhang mit drogenbedingten Vergiftungen, Verkaufsstatistiken und Verschreibungsdatenbanken sowie Daten aus der Beobachtung von Online-Foren, in denen über diese Arzneimittel diskutiert wird, herangezogen werden.
  • Zu den Präventionsmaßnahmen zählen Schulungen für Allgemeinärzte und die Festlegung von Qualitätsstandards und -protokollen zur Verbesserung der Verschreibungspraxis, Maßnahmen zur Verminderung der Beschaffbarkeit, wie etwa Beschränkungen hinsichtlich der Abgabemengen und Packungsgrößen sowie Regelungen für die Entsorgung von alten Arzneimitteln oder Arzneimittelresten, die Verwendung spezieller Darreichungsformen für bestimmte Arzneimittel und das Verbot von telefonischen und Online-Verschreibungen.
  • Die Anbieter von Drogenbehandlungen müssen in der Lage sein, Menschen mit durch Arzneimittelmissbrauch bedingten Problemen zu behandeln. Dies setzt unter anderem die Erkenntnis voraus, dass Klienten, die eine Behandlung wegen des Konsums illegaler Drogen aufnehmen möchten, möglicherweise auch Arzneimittel missbrauchen und diesbezüglich behandelt werden müssen. Da Personen, die primär Probleme im Zusammenhang mit Arzneimittelmissbrauch haben, unter Umständen zögern, die Hilfe herkömmlicher Drogenbehandlungseinrichtungen in Anspruch zu nehmen, ist es zudem unter Umständen notwendig, im Rahmen der medizinischen Grundversorgung alternative Behandlungen anzubieten.

Die Situation in Europa

  • Die Daten beschränken sich auf die gegenwärtigen Behandlungsverfahren im Zusammenhang mit dem Arzneimittelmissbrauch.
  • Um Ausmaß und Art des Problems besser zu verstehen und die Entwicklungen zu beobachten, werden beispielsweise Daten über Akutereignisse in beobachteten Krankenhäusern (Euro-DEN Plus) erhoben und Abwasseranalysen vorgenommen.
  • Es wurden mehrere EU-finanzierte Projekte durchgeführt, wie beispielsweise CODEMISUSED zur Beobachtung des den Konsums, des Missbrauchs und der Abhängigkeit von Codein sowie das Projekt Access To Opioid Medication in Europe (ATOME). Darüber hinaus arbeitet die EMCDDA weiterhin mit der Europäischen Arzneimittel-Agentur zusammen.

Überblick über die verfügbare Evidenz

Behandlung wegen des Missbrauchs von Arzneimitteln

Mögliche Maßnahme Qualität der Evidenz

Die kognitive Verhaltenstherapie unterstützt kurzfristig die Eindämmung des Konsums von Benzodiazepinen, wenn sie im Zusammenhang mit einer ausschleichenden Dosisreduktion eingesetzt wird.

Evidenz geringer Qualität

Individuell zugeschnittene Schreiben von Hausärzten an Patienten, standardisierte Patientengespräche von Allgemeinärzten in Kombination mit einer ausschleichenden Dosisreduktion sowie Entspannungstechniken zeigten im Rahmen einzelner kleiner Studien zum Missbrauch von Benzodiazepinen vielversprechende Ergebnisse. Zu diesen Ansätzen sollten weitere Untersuchungen angestellt werden.

Evidenz geringer Qualität

Zusätzliche Informationen

Es ist unklar, ob eine motivierende Gesprächsführung zur Senkung des Konsums von Benzodiazepinen beitragen kann.

Zeichenerklärung

  • speedometer at highEvidenz höherer Qualität— mindestens eine aktuelle systematische Auswertung hochwertiger Primärstudien mit kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten sprechen für die Durchführung der Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden.
  • speedometer at mediumEvidenz mittlerer Qualität— mindestens eine aktuelle Auswertung einiger Primärstudien zumindest mittlerer Qualität mit insgesamt kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten lassen den Schluss zu, dass diese Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden, hilfreich sein dürften; es werden jedoch weitere Evaluierungen empfohlen.
  • speedometer at lowEvidenz geringer Qualität— einige Primärstudien hoher oder mittlerer Qualität, aber keine Auswertungen verfügbar ODER es liegen Auswertungen mit inkohärenten Ergebnissen vor. Es liegen gegenwärtig nur begrenzte Evidenzdaten vor, aber die verfügbaren Daten sind vielversprechend. Es könnte sich also unter Umständen lohnen, diese Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, insbesondere im Zusammenhang mit der Ausweitung von Diensten, um neue oder bislang nicht gedeckte Bedürfnisse zu erfassen; es sind jedoch Evaluierungen erforderlich.

Konsequenzen für Politik und Praxis

Grundlegendes

Die Kernziele in diesem Bereich sind unter anderem:

  • Gewährleistung, dass Regulierungssysteme für Arzneimittel mit Missbrauchspotenzial eine hinreichende Verfügbarkeit für die medizinische Verwendung sicherstellen und zugleich die Möglichkeiten eines Missbrauchs einschränken.
  • Gewährleistung, dass die Mitarbeiter des Gesundheitswesens Schulungen über korrekte Verschreibungspraxis und die einschlägigen Leitlinien, die Ermittlung und Behandlung des problematischen Konsums und die Reaktion auf Anzeichen für Missbrauch erhalten.

Mögliche Maßnahmen

  • Entwicklung und Bereitstellung alternativer Behandlungsoptionen für den Arzneimittelmissbrauch bei Patienten, die zögern, sich an die herkömmlichen Drogenbehandlungseinrichtungen zu wenden.
  • Sensibilisierung der Patienten und der Allgemeinbevölkerung für die Problematik des Arzneimittelmissbrauchs, um diesen zu entstigmatisieren und die Betroffenen zu ermutigen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Defizite

  • Untersuchung und Beobachtung von Ausmaß und Art des Arzneimittelmissbrauchs auf lokaler und nationaler Ebene, um die Entwicklung geeigneter Interventionen zu unterstützen. Dabei kann eine breite Palette von Quellen herangezogen werden: Erhebungen, Daten zur Behandlungsnachfrage, Verkaufsstatistiken, Daten über polizeiliche Sicherstellungen, Internet-Trends und Abwasseranalysen. In diesem Zusammenhang sollte auch die relative Bedeutung der unterschiedlichen Arzneimittelquellen auf dem Schwarzmarkt untersucht und ermittelt werden, wie viele und welche Menschen Arzneimittel missbrauchen und aus welchen Gründen.

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