Drogenkonsumräume: Überblick über das Angebot und Evidenzdaten

 

 

Drogenkonsumräume: Überblick über das Angebot und Evidenzdaten

Introduction

Letzte Aktualisierung: 31.05.2016

Überwachte Drogenkonsumräume, in denen illegale Drogen unter der Aufsicht von geschultem Personal konsumiert werden können, gibt es in Europa seit drei Jahrzehnten. Diese Einrichtungen dienen in erster Linie dem Ziel, die akuten Risiken im Zusammenhang mit der Übertragung von Krankheiten durch unhygienischen injizierenden Konsum einzudämmen, Todesfällen durch Überdosierung vorzubeugen und besonders gefährdete Drogenkonsumenten mit Einrichtungen der Suchtbehandlung und anderen Gesundheits- und Sozialdiensten in Kontakt zu bringen.

Diese für das Internet konzipierten, interaktiven Analysen sind Teil der Reihe Drogenperspektiven (Perspectives on Drugs, POS), die im Rahmen des Informationspakets „Europäischer Drogenbericht“ veröffentlicht werden, und bieten tiefere Einblicke in eine Reihe wichtiger Themen.

1. Analyse: Drogenkonsumräume: Überblick über das Angebot und Evidenzdaten

heroin dissolved in spoon and needle

Überwachte Drogenkonsumräume, in denen illegale Drogen unter der Aufsicht von geschultem Personal konsumiert werden können, gibt es in Europa seit drei Jahrzehnten. Diese Einrichtungen dienen in erster Linie dem Ziel, die akuten Risiken im Zusammenhang mit der Übertragung von Krankheiten durch unhygienischen injizierenden Konsum einzudämmen, Todesfällen durch Überdosierung vorzubeugen und besonders gefährdete Drogenkonsumenten mit Einrichtungen der Suchtbehandlung und anderen Gesundheits- und Sozialdiensten in Kontakt zu bringen. Zudem sollen sie dazu beitragen, dem Drogenkonsum in der Öffentlichkeit und den mit offenen Drogenszenen verbundenen Gefahren für die öffentliche Ordnung, wie sie beispielsweise durch weggeworfene Nadeln entstehen, entgegenzuwirken. In der Regel erhalten Drogenkonsumenten in Drogenkonsumräumen sterile Spritzbestecke, Beratungsleistungen vor, während und nach dem Drogenkonsum, Notfallhilfe bei Überdosierungen und eine medizinische Grundversorgung. Zudem dienen die Drogenkonsumräume zumeist als Anlaufstelle für die Vermittlung an geeignete Sozial- und Gesundheitsdienste sowie Suchtbehandlungseinrichtungen.

Angesichts des Auftretens und der raschen Ausbreitung des Human-Immunschwäche-Virus/ erworbenen Immundefizienz-Syndroms (HIV/AIDS) im Zusammenhang mit der epidemieartigen Verbreitung des Heroinkonsums und des injizierenden Drogenkonsums in den 1980er Jahren entwickelte man in Europa eine Reihe von Maßnahmen zur Eindämmung der durch den injizierenden Drogenkonsum und andere Formen des Hochrisikokonsums verursachten Schäden. Hierzu zählten unter anderem Leistungen wie aufsuchende Dienste, Peer-Education-Maßnahmen, gesundheitliche Aufklärung, die Ausgabe sauberer Spritzbestecke und das Angebot opioidgestützter Substitutionsbehandlungen. Während die Strategie der Schadensminimierung im Laufe der 1990er Jahre in Europa immer weitere Akzeptanz und Ausbreitung fand, war die Bereitstellung von Räumlichkeiten für den überwachten Drogenkonsum in lokalen Drogeneinrichtungen nicht unumstritten. Mitunter wurden Bedenken laut, diese Konsumräume könnten den Drogenkonsum fördern, die Behandlungsaufnahme verzögern oder die mit den örtlichen Drogenmärkten verbundenen Probleme verstärken. Bisweilen wurde die Einrichtung von Drogenkonsumräumen durch politische Interventionen verhindert (Jauffret-Roustide et al., 2013). ). Ungeachtet dessen steht die Diskussion über die Eröffnung neuer Drogenkonsumräume in mehreren europäischen Ländern nach wie vor ganz oben auf der politischen Agenda. Daher soll diese Analyse einen objektiven Überblick über die Merkmale, die derzeit angebotenen Leistungen und die Wirksamkeit dieser Maßnahme bieten.

Drogenkonsumräume sind Gesundheitseinrichtungen, in denen Drogenkonsumenten unter der Aufsicht von Fachpersonal und unter sicheren Bedingungen Drogen konsumieren können. Sie sollen eine Anlaufstelle für schwer zu erreichende Gruppen von Drogenkonsumenten darstellen, insbesondere für marginalisierte Gruppen und jene, die Drogen auf der Straße und unter sonstigen risikobehafteten und unhygienischen Bedingungen konsumieren. Eine ihrer vorrangigen Zielsetzungen ist die Eindämmung der Morbidität und Mortalität durch die Bereitstellung einer sicheren Umgebung für einen hygienischen Drogenkonsum und die Aufklärung der Besucher über sicheren Drogenkonsum. Zugleich soll der Drogenkonsum in der Öffentlichkeit verringert und der öffentliche Raum in der Umgebung der städtischen Drogenmärkte aufgewertet werden. Ein weiteres Ziel ist die Förderung des Zugangs zu Sozial-, Gesundheits- und Drogenbehandlungseinrichtungen (siehe „Leistungsmodus“).

Ursprünglich entwickelten sich die Drogenkonsumräume als Maßnahme zur Eindämmung der mit offenen Drogenszenen und Drogenmärkten verbundenen Gefahren für die öffentliche Gesundheit und Ordnung in Städten, in denen es bereits ein Netz von Drogendiensten gab, man jedoch Schwierigkeiten damit hatte, diesen Problemen zu begegnen. Als solche stellten sie eine „lokale“ Maßnahme dar, über welche die örtlichen Interessenträger auf der Grundlage einer Bewertung der lokalen Erfordernisse und nach Maßgabe der kommunalen oder regionalen Vorgehensweisen entschieden. Einrichtungen für den überwachten Drogenkonsum befinden sich bevorzugt an Orten, an denen es Probleme mit dem öffentlichen Drogenkonsum gibt, und zielen auf jene Teilpopulationen der Konsumenten ab, die kaum Möglichkeiten für einen hygienischen injizierenden Drogenkonsum haben (wie beispielsweise Obdachlose oder Menschen, die in unsicheren Wohnverhältnissen oder Heimen leben). Zuweilen werden Drogenkonsumräume aus den unterschiedlichsten Gründen auch von in stabileren sozialen Verhältnissen lebenden Besuchern genutzt, beispielsweise weil diese mit Partnern oder Familienangehörigen zusammenleben, die keine Drogen konsumieren (Hedrich and Hartnoll, 2015).

Die Entwicklung dieser Maßnahme nahm 1986 ihren Anfang, als in Bern in der Schweiz der erste überwachte Drogenkonsumraum eröffnet wurde. In den Folgejahren wurden weitere Einrichtungen dieser Art in Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Norwegen, Luxemburg, Dänemark und Griechenland geschaffen. Gegenwärtig gibt es insgesamt 74 offizielle Drogenkonsumräume in sechs Berichtsländern der EMCDDA, nachdem in Griechenland 2014 die landesweit einzige Einrichtung geschlossen wurde. Daneben wurden zwölf Drogenkonsumräume in der Schweiz eingerichtet (siehe ‚Zahlen und Fakten‘). Im Einzelnen gab es im Februar 2016 31 Einrichtungen in 25 niederländischen Städten, 24 in 15 deutschen Städten, zwölf in drei spanischen Städten, eine in Norwegen und eine in Luxemburg (Norwegen und Luxemburg bereiten beide die Eröffnung einer zweiten Einrichtung 2016 vor), fünf in drei dänischen Städten und zwölf in acht Städten in der Schweiz. In Frankreich wurde im Januar 2016 per Gesetz ein sechsjähriges Versuchsprojekt zu Drogenkonsumräumen gebilligt, und es ist zu erwarten, dass im zweiten Halbjahr Einrichtungen eröffnet werden. In Slowenien ermöglichte eine Änderung im Strafgesetzbuch die Schaffung eines geeigneten Umfelds für die Eröffnung von überwachten Konsumeinrichtungen; im Anschluss an eine öffentliche Ausschreibung beauftragte das Gesundheitsministerium eine Nichtregierungsorganisation in Ljubljana mit der Umsetzung eines Pilotprojekts. Außerhalb Europas gibt es zwei Einrichtungen in Vancouver, Kanada, und ein medizinisch überwachtes Zentrum für injizierenden Drogenkonsum in Sydney, Australien.

Merkmale

Die meisten Drogenkonsumräume haben unabhängig von ihrem Standort eine Reihe von Merkmalen gemeinsam. Beispielsweise ist der Zugang in aller Regel auf registrierte Nutzer beschränkt und an bestimmte Voraussetzungen, wie beispielsweise ein Mindestalter oder die Ortsansässigkeit, gebunden. Gemeinhin handelt es sich um separate Bereiche, die an bereits bestehende Einrichtungen für Drogenkonsumenten oder Obdachlose angeschlossen sind. Zuweilen werden sie jedoch auch vollkommen unabhängig von anderen Einrichtungen betrieben. Die Zielgruppe sind meist injizierende Drogenkonsumenten, allerdings stehen Drogenkonsumräume mittlerweile zunehmend auch Konsumenten offen, die Drogen rauchen oder inhalieren.

Insgesamt werden in Europa drei Modelle von Drogenkonsumräumen betrieben. Dabei handelt es sich um integrierte, spezialisierte und mobile Einrichtungen. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Drogenkonsumräume ist in niedrigschwellige Einrichtungen integriert. Die Überwachung des Drogenkonsums ist dabei eine von mehreren überlebenswichtigen Leistungen, die in denselben Räumlichkeiten angeboten werden, wie die Bereitstellung von Lebensmitteln, Duschen und Kleidung für Obdachlose, die Ausgabe von Präventionsmaterial wie Kondomen und Abfallbehältern für scharfe/spitze Instrumente sowie das Angebot von Beratungsleistungen und Drogenbehandlungsdiensten. Spezialisierte Drogenkonsumräume bieten häufig ein engeres Leistungsspektrum, das in unmittelbarem Zusammenhang mit dem überwachten Konsum steht und die Ausgabe hygienischer Spritzbestecke, Gesundheitsberatung und Aufklärung über sicheren Drogenkonsum, Notfallmaßnahmen und die Bereitstellung von Räumlichkeiten umfasst, in denen Drogenkonsumenten nach dem Konsum überwacht werden können. Mobile Einrichtungen gibt es gegenwärtig in Barcelona und Berlin. Sie ermöglichen ein geografisch flexibles Angebot der Leistungen, betreuen jedoch in der Regel weniger Besucher als Einrichtungen mit einem festen Standort (Schäffer et al., 2014).

Einem kürzlich veröffentlichten organisatorischen Überblick über 62 Drogenkonsumräume in sieben europäischen Ländern (Woods, 2014) zufolge erbringen diese Einrichtungen ein breites Spektrum von Hilfsdiensten. Neben sauberen Spritzbestecken, gesundheitlicher Aufklärung und der Vermittlung von Behandlungs- und anderen Betreuungsdiensten bieten 60 % bis 70 % der Einrichtungen auch eine medizinische Grundversorgung durch Krankenpfleger oder Ärzte (siehe Abbildung 1).

 

Quelle: basierend auf Tabelle 6.1 in  Woods, 2014.

Eine Erhebung unter den Leitern von 33 Drogenkonsumräumen (1) (Woods, 2014) ergab, dass diese Einrichtungen durchschnittlich sieben Plätze für einen überwachten injizierenden Drogenkonsum (das Spektrum reicht hier von einem bis hin zu 13 Plätzen) und vier Plätze für Konsumenten anbieten, die Drogen rauchen/inhalieren. Mehr als die Hälfte der Einrichtungen ist täglich durchschnittlich acht Stunden geöffnet. Hinsichtlich der täglichen Besucherzahlen war eine große Bandbreite festzustellen – zwischen 20 und 400 –, wobei sechs der 33 Einrichtungen mehr als 200 Drogenkonsumenten pro Tag betreuen. In den meisten Fällen wurden die Besucher von Suchtbehandlungseinrichtungen oder der Polizei auf die Drogenkonsumräume aufmerksam gemacht.

Evidenzdaten über die Wirksamkeit

Die ersten Drogenkonsumräume wurden in Städten in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden als Reaktion auf die von offenen Drogenszenen ausgehenden Gefahren für die öffentliche Gesundheit und Ordnung eröffnet. Zwar wurden sie von mehreren lokalen Interessenträgern eingerichtet und unterstützt, jedoch stellten sie zu Beginn ein Experiment dar und wurden zuweilen kontrovers diskutiert. Nach der Eröffnung der Einrichtungen überwachten die lokalen Anbieter, die Gesundheitsbehörden und die Polizei die neuen Entwicklungen, verglichen sie mit der Situation davor und dokumentierten, ob die angestrebten Veränderungen erreicht wurden. Die Ergebnisse wurden unmittelbar an kommunale und zuweilen nationale politische Entscheidungsträger weitergeleitet, jedoch wurden die Daten nur selten in der internationalen Literatur veröffentlicht. Die Ergebnisse waren für die internationale Forschungsgemeinde relativ schlecht zugänglich, bis Auswertungen in englischer Sprache publiziert wurden (supervisedinjection.vch.ca).

Die Wirksamkeit der Drogenkonsumeinrichtungen im Hinblick auf ihre Eignung, stark marginalisierte Zielpopulationen zu erreichen und mit ihnen in Kontakt zu bleiben, wurde umfassend dokumentiert (Lloyd-Smith et al., 2009), ebenso wie positive Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und Ordnung.

Zudem zeigen Forschungsergebnisse, dass die Nutzung überwachter Drogenkonsumräume den Angaben der Besucher zufolge zu einer Eindämmung ihres Risikoverhaltens im Zusammenhang mit dem injizierenden Drogenkonsum, wie beispielsweise der gemeinsamen Nutzung von Spritzbestecken, führt. Das bedeutet, dass Verhaltensweisen, die das Risiko von HIV-Übertragungen und Todesfällen durch Überdosierungen erhöhen, reduziert werden (vgl. beispielsweise  Kimber et al., 2010). Dies ist teilweise darauf zurückzuführen, dass die Einrichtungen nur einen begrenzten Teil der Zielpopulation erreichen und die Abgrenzung ihrer Auswirkungen von denen anderer Maßnahmen mit methodischen Problemen verbunden ist.

Ökologische Studien ergaben Hinweise darauf, dass Drogenkonsumräume bei einer angemessenen Abdeckung geeignet sind, auf städtischer Ebene zu einer Verringerung der drogenbedingten Todesfälle beizutragen (Salmon et al., 2010).

Darüber hinaus geht die Nutzung von Drogenkonsumräumen mit einer verstärkten Inanspruchnahme sowohl von Entgiftungs- als auch von Suchtbehandlungen, einschließlich opioidgestützter Substitutionstherapien, einher. So wurde beispielsweise im Rahmen der kanadischen Kohortenstudie dokumentiert, dass die Besucher der Einrichtung in Vancouver vermehrt erfolgreich an Suchtbehandlungsdienste überwiesen werden konnten und häufiger Entgiftungsbehandlungen und methadongestützte Erhaltungstherapien in Anspruch nahmen (DeBeck et al., 2011).

In Evaluationsstudien wurde insgesamt ein positiver Einfluss auf die Gemeinden festgestellt, in denen diese Einrichtungen ihren Standort haben. Ebenso wie im Falle von Nadel- und Spritzenaustauschprogrammen ist jedoch auch diesbezüglich eine Konsultation der zentralen örtlichen Akteure erforderlich, um öffentliche Widerstände abzubauen und kontraproduktive polizeiliche Maßnahmen zu verhindern. In aller Regel werden Drogenbehandlungseinrichtungen mit integrierten Drogenkonsumräumen von den lokalen Gemeinschaften und Unternehmen akzeptiert (Vecino et al., 2013).

Die Auswirkungen der Einrichtung für überwachten injizierenden Drogenkonsum in Sydney auf die Zahl der mit dem Drogenkonsum in Zusammenhang stehenden Eigentums- und Gewaltdelikte in der betreffenden Gegend wurden anhand einer Zeitreihenanalyse der polizeilich erfassten Diebstähle und Raubüberfälle untersucht (Wood et al., 2006).

In Gebieten, die eine Zunahme des Konsums von Drogen, die geraucht/inhaliert werden (wie beispielsweise Crack) zu verzeichnen hatten, haben die ursprünglich nur für injizierende Drogenkonsumenten bestimmten Drogenkonsumeinrichtungen begonnen, ihre Leistungen auf den inhalierenden Konsum auszuweiten. Die diesbezüglich gewonnenen Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass Einrichtungen, in denen Drogen unter Aufsicht inhaliert werden können, geeignet sind, die Straßenkriminalität und Probleme mit der Polizei zu verringern DeBeck et al., 2011). Diese Änderung des Leistungsangebots erfolgt vor dem Hintergrund einer sinkenden Prävalenz des injizierenden Heroinkonsums und einer vermehrten Inanspruchnahme opioidgestützter Substitutionstherapien. In diesem Zusammenhang haben einige Einrichtungen ihr Leistungsspektrum den Bedürfnissen der Crackkonsumenten in den Innenstädten angepasst.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Bereitstellung überwachter Drogenkonsumräume die folgenden Vorteile mit sich bringen kann: Verbesserungen im Hinblick auf einen sicheren, hygienischen Drogenkonsum – insbesondere für Konsumenten, die solche Einrichtungen regelmäßig aufsuchen –, verstärkte Inanspruchnahme von Gesundheits- und Sozialdiensten, sowie Eindämmung des Drogenkonsums in der Öffentlichkeit und der damit verbundenen Störungen der öffentlichen Ordnung. Es gibt keine Belege dafür, dass die Verfügbarkeit von Einrichtungen, die einen sicheren injizierenden Drogenkonsum ermöglichen, zu einem Anstieg des Drogenkonsums oder einer Erhöhung der Häufigkeit des injizierenden Konsums führt. Die Behandlungsaufnahme wird durch derartige Dienste nicht verzögert, sondern eher beschleunigt. Zudem hat die Einrichtung von Drogenkonsumräumen keine Zunahme der örtlichen Drogenkriminalität zur Folge.

Schlussbemerkung

Drogenkonsumräume sind geeignet, besonders gefährdete Drogenkonsumenten, die nicht bereit oder willens sind, den Drogenkonsum aufzugeben, zu erreichen und mit ihnen in Kontakt zu bleiben. In einer Reihe europäischer Städte ist der überwachte Drogenkonsum mittlerweile integraler Bestandteil der im Rahmen der Drogenbehandlungssysteme angebotenen niedrigschwelligen Dienste. In der Schweiz und in Spanien wurden einige Drogenkonsumräume geschlossen, was in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass der injizierende Drogenkonsum und damit der Bedarf an solchen Diensten zurückging. Zuweilen spielten dabei aber auch Kostenüberlegungen eine Rolle. In Griechenland wurde der Betrieb der Einrichtung aufgrund von Verzögerungen bei der Verabschiedung einer entsprechenden Rechtsgrundlage nach neun Monaten ausgesetzt, und der Anbieter arbeitet derzeit gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium daran, die Voraussetzungen für die Wiedereröffnung des Drogenkonsumraums zu schaffen. In den Niederlanden wurden Kürzungen vorgenommen, da die Besucherzahlen aufgrund der erfolgreichen Einführung eines anderen Programms zurückgingen. Dieses neue Programm (Plan van Aanpak Maatschappelijke Opvang) zielt darauf ab, Obdachlose in (betreuten) Unterkünften unterzubringen, in denen häufig auch Drogenkonsum gestattet ist. Die Alkoholkonsumräume, die sich häufig in demselben Gebäude, aber in getrennten Räumlichkeiten befinden, werden in den Niederlanden zunehmend mit Drogenkonsumeinrichtungen kombiniert (Niederländischer Reitox-Knotenpunkt, 2014).

Die Entstehung neuer Formen des injizierenden Konsums von Stimulanzien, einschließlich neuer psychoaktiver Substanzen, bringt möglicherweise erhöhte Risiken für die Drogenkonsumenten mit sich. In diesem Zusammenhang wurden in mehreren europäischen Städten Forderungen nach der Einrichtung von Drogenkonsumräumen laut, die derzeit Gegenstand der politischen Debatte sind. Als Anbieter niedrigschwelliger Dienste, die in unmittelbarem Kontakt mit den Drogenkonsumenten stehen, bekommen die Mitarbeiter der Drogenkonsumräume häufig als Erste Einblick in neue Muster des Drogenkonsums und spielen damit eine Rolle bei der frühzeitigen Ermittlung neuer und sich abzeichnender Trends in den besonders gefährdeten Populationen, die ihre Dienste in Anspruch nehmen.

References

  • DeBeck, K., Kerr, T., Bird, L., et al. (2011), ‘Injection drug use cessation and use of North America's first medically supervised safer injecting facility’, Drug and Alcohol Dependence 15 January, 113(2–3), pp. 172–6.
  • European report on drug consumption rooms, Thematic Paper, Office for Official Publications of the European Communities, Luxembourg.
  • Freeman, K., Jones, C. G., Weatherburn, D. J., et al. (2005), ‘The impact of the Sydney Medically Supervised Injecting Centre (MSIC) on crime’. Drug and Alcohol Review March, 24(2), pp. 173–84.
  • Hedrich, D. and Hartnoll, R. (2015), ‘Harm reduction interventions’, in El-Guebaly, N., Carrà, G. and Galanter, M. (eds), Textbook of addiction treatment: international perspectives, Section IV: main elements of a systems approach to addiction treatment, Springer, Milan, pp. 1291–313.
  • Drug consumption facilities in Europe and beyond’, in Rhodes, T. and Hedrich, D. (eds), Harm reduction: evidence, impacts and challenges, EMCDDA Scientific Monograph Series No. 10, Publications Office of the European Union, Luxembourg, pp. 305–31.
  • Jauffret-Roustide, M., Pedrono, G. and Beltzer, N. (2013), ‘Supervised consumption rooms: the French paradox’, International Journal of Drug Policy 24, pp: 628–30.
  • Kimber, J., MacDonald, M., van Beek, I., et al. (2003), ‘The Sydney Medically Supervised Injecting Centre: client characteristics and predictors of frequent attendance during the first 12 months of operation’, Journal of Drug Issues 33, pp. 639–48.
  • Kimber, J., Palmateer, N., Hutchinson, S., et al. (2010), ‘Harm reduction among injecting drug users: evidence of effectiveness’, in Rhodes, T. and Hedrich, D. (eds), Harm reduction: evidence, impacts and challenges, EMCDDA Scientific Monograph Series No. 10, Publications Office of the European Union, Luxembourg, pp. 115–63.
  • Lloyd-Smith, E., Wood, E., Zhang, R., et al. (2009), ‘Determinants of cutaneous injection-related infection care at a supervised injecting facility’, Annals of Epidemiology 19(6), pp. 404–9.
  • Marshall, B. D., Milloy, M. J., Wood, E., Montaner, J. S. and Kerr, T. (2011), ‘Reduction in overdose mortality after the opening of North America's first medically supervised safer injecting facility: a retrospective population-based study’, The Lancet 23 April, 377(9775), pp. 1429–37.
  • Milloy, M. J. and Wood, E. (2009), ‘Emerging role of supervised injecting facilities in human immunodeficiency virus prevention’, Addiction 104(4), pp. 620–1.
  • Netherlands Reitox Focal Point (2014), The Netherlands drug situation 2014: report to the EMCDDA by the Reitox national focal point, Trimbos Institute, Utrecht.
  • Poschadel, S., Höger, R., Schnitzler, J. and Schreckenberg, D. (2003), ‘Evaluation der Arbeit der Drogenkonsumräume in der Bundesrepublik Deutschland’, Nr 149, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherheit, Baden-Baden.
  • Potier, C., Laprévote, V., Dubois-Arber, F., Cottencin, O. and Rolland, B. (2014), ‘Supervised injection services: what has been demonstrated? A systematic literature review’, Drug and Alcohol Dependence 145, pp. 48–68.
  • Salmon, A. M., Thein, H. H., Kimber, J., Kaldor, J. M. and Maher, L. (2007), ‘Five years on: what are the community perceptions of drug-related public amenity following the establishment of the Sydney Medically Supervised Injecting Centre?’ International Journal of Drug Policy 18(1), pp. 46–53.
  • Salmon, A. M., Van Beek, I., Amin, J., Kaldor, J. and Maher, L. (2010), ‘The impact of a supervised injecting facility on ambulance call-outs in Sydney, Australia’, Addiction 105, pp. 676–83.
  • Schäffer, D., Stöver, H. and Weichert, L. (2014), Drug consumption rooms in Europe: models, best practice and challenges, European Harm Reduction Network, Amsterdam.
  • Small, W., Wood, E., Lloyd-Smith, E., Tyndall, M. and Kerr, T. (2008), ‘Accessing care for injection-related infections through a medically supervised injecting facility: a qualitative study’, Drug and alcohol dependence 98(1–2), pp. 159–62.
  • Small, W., Van Borek, N., Fairbairn, N., Wood, E. and Kerr, T. (2009), ‘Access to health and social services for IDU: the impact of a medically supervised injection facility’, Drug and Alcohol Review 28(4), pp. 341–6.
  • Stoltz, J. A., Wood, E., Small, W., et al. (2007), ‘Changes in injecting practices associated with the use of a medically supervised safer injection facility’, Journal of Public Health (Oxford) 29(1), pp. 35–9.
  • Thein, H.-H., Kimber, J., Maher, L., MacDonald, M. and Kaldor, J. M. (2005), ‘Public opinion towards supervised injecting centres and the Sydney Medically Supervised Injecting Centre’, International Journal of Drug Policy 16(4), pp. 275–80.
  • Insight into Insite’, UHRI, Vancouver.
  • Safe injection rooms and police crackdowns in areas with heavy drug dealing: evaluation by counting discarded syringes collected from the public space (in Spanish), Addiciones 25(4), pp. 333–8.
  • Wood, E., Kerr, T., Small, W., et al. (2004), ‘Changes in public order after the opening of a medically supervised safer injecting facility for illicit injection drug users’, Canadian Medical Association Journal 28 September, 171(7), pp. 731–4.
  • Wood, E., Tyndall, M. W., Lai, C., Montaner, J. S. G. and Kerr, T. (2006), ‘Impact of a medically supervised safer injecting facility on drug dealing and other drug-related crime’, Substance Abuse Treatment, Prevention, and Policy 4, pp. 1–4.
  • Wood, E., Tyndall, M. W., Zhang, R., Montaner, J. S. and Kerr, T. (2007), ‘Rate of detoxification service use and its impact among a cohort of supervised injecting facility users’, Addiction 102(6), pp. 916–19.
  • Organisational overview of dug consumption rooms in Europe, European Harm Reduction Network – Regenboog Groep, Amsterdam.

Fußnoten

    • (1) Ohne die Einrichtungen in den Niederlanden

2. Video: Drogenkonsumräume

Die folgenden Inhalte sind derzeit nur auf Englisch verfügbar.

3. Fakten und Zahlen

Abbildung: Standorte und Zahl der Drogenkonsumräume in Europa

map of drug consumption rooms in Europe

4. Leistungsmodell für überwachte Drogenkonsumräume

Hauptkomponenten Bewertung und Aufnahme Überwachter Konsumbereich Sonstige Leistungen Vermittlung
Umsetzungsziele
  • Prüfung des Nutzungsanspruchs, Kontrolle der offiziellen Zugangskriterien
  • Bereitstellung von Informationen über die Funktionsweise des Drogenkonsumraums/die Hausordnung
  • Aufklärung über Risikoprävention/sicheren Konsum
  • Ausgabe hygienischer Spritzbestecke
  • Erhalt von Informationen über die zu konsumierenden Droge
  • Bestimmung des individuellen Bedarfs (z. B. Bewertung des Gesundheitszustands)
  • Gewährleistung eines weniger riskanten und hygienischeren Drogenkonsums
  • Überwachung des Konsums und Sicherstellung der Einhaltung der Hausordnung (z. B. keine Weitergabe von Drogen und kein Drogenhandel)
  • Angebot einer maßgeschneiderten Beratung über sicheren Drogenkonsum
  • Leistung von Notfallhilfe bei Überdosierungen und Nebenwirkungen
  • Bereitstellung eines vor den Blicken der Öffentlichkeit geschützten Raums für den Drogenkonsum
  • Unterbindung des Aufenthalts der Besucher in der Umgebung der Einrichtung (Zusammenarbeit mit der Polizei)
  • Überwachung der Auswirkungen des Drogenkonsums auf die Besucher, die den Konsumbereich verlassen haben
  • Leistung einer medizinischen Grundversorgung: Abszess- und Wundbehandlung
  • Bereitstellung von Getränken, Lebensmitteln, Kleidung und Duschen
  • Leistung von Krisenbetreuung
  • Angebot eines Nadel- und Spritzenaustauschprogramms/Bereitstellung sicherer Behälter für benutzte Nadeln
  • Angebot weiterer Leistungen in derselben Einrichtung, wie beispielsweise Unterkunft, Fallmanagement, Beratung, Behandlung
  • Aufklärung über Behandlungsoptionen
  • Motivierung der Besucher, weitere Behandlungsdienste in Anspruch zu nehmen
  • Vermittlung der Besucher an andere Dienste, wie beispielsweise Entgiftung, Substitutionsbehandlung, Unterkünfte, Sozialfürsorge, medizinische Behandlung
         
Angestrebte Ergebnisse
  • Kontaktaufnahme zu schwer erreichbaren Gruppen
  • Ermittlung und Überweisung von Besuchern, die medizinische Hilfe benötigen
  • Eindämmung der unmittelbar mit dem Drogenkonsum verbundenen Risiken
  • Verringerung von Morbidität und Mortalität
  • Stabilisierung und Verbesserung des Gesundheitszustands der Besucher
  • Eindämmung von Störungen der öffentlichen Ordnung
  • Sensibilisierung der Besucher für die Behandlungsoptionen und Förderung der Inanspruchnahme einschlägiger Dienste durch die Besuchers
  • Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, dass sich die Besucher an Behandlungsdienste vermitteln lassen
     
  • Überleben
  • Verbesserte soziale Integration

Weiterführende Informationen

Weiterführende Literatur

 

dcrCharts.js
 Download in JS Format
highcharts.js
 Download in JS Format
Drug consumption rooms_POD2015.pdf
 Download in PDF Format

Drucken

Page last updated: Friday, 25 November 2016