Schmuggelrouten für Opioide von Asien nach Europa

 

 

Schmuggelrouten für Opioide von Asien nach Europa

Einführung

Letzte Aktualisierung: 04.06.2015

Importiertes Heroin wird in Europa traditionell in zwei Formen angeboten: Zum einen als braunes Heroin (Heroinbase), das stärker verbreitet ist und vor allem aus Afghanistan und anderen Ländern in Südwestasien stammt, zum anderen als weißes Heroin (in Salzform), das weniger häufig ist und früher aus Südostasien eingeführt wurde, heute aber auch in Afghanistan und möglicherweise in den Nachbarländern Iran und Pakistan hergestellt wird. Diese drei Länder, die zusammen auch als „Goldener Halbmond“ bezeichnet werden, dominieren die Produktion für den europäischen Markt.

Diese interaktiven, weboptimierten Analysen im Rahmen der Reihe Drogen im Blickpunkt verstehen sich als Ergänzung zum Europäischen Drogenbericht und sollen genauere Einblicke in eine Reihe wichtiger Themen bieten..

1.Analyse: Schmuggelrouten für Opioide von Asien nach Europa

opium poppy

Importiertes Heroin wird in Europa traditionell in zwei Formen angeboten: Zum einen als braunes Heroin (Heroinbase), das stärker verbreitet ist und vor allem aus Afghanistan und anderen Ländern in Südwestasien stammt, zum anderen als weißes Heroin (in Salzform), das weniger häufig ist und früher aus Südostasien eingeführt wurde, heute aber auch in Afghanistan und möglicherweise in den Nachbarländern Iran und Pakistan hergestellt wird. Diese drei Länder, die zusammen auch als „Goldener Halbmond“ bezeichnet werden, dominieren die Produktion für den europäischen Markt.

Während in einigen europäischen Ländern, die seit längerer Zeit mit problematischem Heroinkonsum kämpfen, Anzeichen für einen Rückgang beobachtet wurden, gibt es andererseits auch Anhaltspunkte dafür, dass eine zunehmende Vielfalt an Opioiden am Markt auftaucht. Die Opiumproduktion in Afghanistan wurde deutlich gesteigert, und Hinweise deuten auf eine Diversifizierung der Heroin- und Morphinherstellung sowie Innovationen in Bezug auf Schmuggelverfahren und -routen hin. Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen, die sich auf die europäischen Opioidmärkte auswirken, beschäftigt sich die vorliegende Analyse mit den neuesten Erkenntnissen über die unterschiedlichen Wege, auf denen Heroin derzeit nach Europa gelangt.

Der europäische Heroinmarkt

Zahlreiche europäische Länder haben eine viele Jahre zurückreichende Geschichte des problematischen Opioidkonsums. Seit der „Heroinepidemie“ der 1970er und 1980er Jahre in westeuropäischen Ländern ist Heroin das gängigste Opioid auf dem europäischen Drogenmarkt, und Heroinabhängige dominieren die Arbeit in der Drogentherapie.

Allerdings trat in den Jahren 2010 und 2011 in einigen Ländern ein Heroinengpass auf, von dem sich die wenigsten Märkte vollständig erholt zu haben scheinen. Gleichzeitig hat es den Anschein, dass der Heroinkonsum in Europa in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist, was sich auch durch eine deutlich sinkende Anzahl an Sicherstellungen und eine Abnahme der beschlagnahmten Heroinmengen seit 2010 bemerkbar macht. Zudem ist die Entwicklung der Heroinpreise und die Zahl der Angebotsdelikte im Zusammenhang mit Heroin in Europa rückläufig, obwohl die Reinheit des Heroins jüngsten Daten (2013) zufolge insgesamt zunimmt und einige Länder eine wachsende Verfügbarkeit verzeichnen.

Außerdem zeigt sich, dass eine breitere Palette an Opioiden konsumiert und sichergestellt wird. In einigen Ländern berichtet eine nennenswerte Zahl von in Behandlung befindlichen Patienten über andere Opioide als Heroin, beispielsweise Methadon, Buprenorphin oder Fentanyl (EMCDDA, 2015a). Im Jahr 2013 stellten die Strafverfolgungsbehörden neben Rohopioidzubereitungen wie dem seit langer Zeit in Teilen Osteuropas konsumierten „Kompot“ eine ganze Reihe anderer Opioide, darunter Opium und die Arzneimittel Morphin, Methadon, Buprenorphin, Fentanyl und Tramadol sicher. Darüber hinaus wurden dem Frühwarnsystem der Europäischen Union seit 2005 insgesamt 14 neue synthetische Opioide gemeldet.

Die Entwicklung der Opiumproduktion in Afghanistan

Der Hauptteil des nach Europa geschmuggelten Heroins stammt aus Afghanistan, wo Schlafmohn in großen Mengen angebaut wird. Die Zunahme des Schlafmohnanbaus lässt sich in die 1980er Jahre zurückverfolgen, als das Land von Konflikten geschüttelt wurde. 1994 schätzte das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), dass etwa ein Viertel des weltweiten illegalen Schlafmohnanbaus in Afghanistan erfolgte (71 410 ha einer Gesamtanbaufläche von 272 500 ha). Trotz Schwankungen von Jahr zu Jahr kletterte der Anbau auf ein Rekordhoch. 2014 wird von einer Anbaufläche von rund 224 000 ha in Afghanistan ausgegangen – bei Weitem die größte der Welt. Die Opiumproduktion in Afghanistan wird auf 6 400 t geschätzt, was – auf der Basis nicht konsolidierter Daten des UNODC – wahrscheinlich über 80 % der weltweiten Produktion entspricht (2014a, 2014b, 2014c) (Abbildung 1).

 

Quelle: UNODC (2007, 2008, 2012, 2014a 2014b, 2014c).

Hinweis: Die weltweite Produktion und der Anteil Afghanistans im Jahr 2014 wurden von der EMCDDA auf der Grundlage von Schätzungen des UNODC (2014a, 2014b und 2014c) ermittelt.

Zur Herstellung von Heroin aus Schlafmohn wird Milchsaft aus den Samenkapseln des Schlafmohns gewonnen und getrocknet. Dadurch entsteht Opium, das in einer wässrigen Kalilauge (gelöschter Kalk) dispergiert. Um die Alkalität zu regulieren und so die Morphinbase auszufällen, wird Ammoniumchlorid zugesetzt. Das abgetrennte Morphin wird mit Essigsäuƒ2014areanhydrid und Natriumcarbonat aufgekocht, sodass sich die Diamorphin-Rohbase (braunes Heroin) absetzt. Braunes Heroin kann als Endprodukt verwendet oder in das Hydrochloridsalz (weißes Heroin) umgesetzt werden. In der Vergangenheit hatte es den Anschein, dass der Großteil des in Afghanistan hergestellten Opiums zu Heroin verarbeitet und nach Europa transportiert wurde. Allerdings nimmt nun offenbar die für den Export bestimmte Morphinproduktion im Goldenen Halbmond (Afghanistan, Pakistan und Iran, vgl. Abschnitt 4) zu.

Wie Heroin nach Europa gelangt: die drei Hauptrouten

Früher erreichte das meiste aus Afghanistan geschmuggelte Heroin Europa über den Landweg auf der sogenannten Balkanroute. Obwohl es sich bei der Balkanroute wahrscheinlich nach wie vor um die Hauptroute für den Heroinschmuggel in die EU handelt, gibt es Anhaltspunkte dafür, dass zunehmend auch auf andere Routen und Verkehrsmittel zurückgegriffen wird.

1. Die traditionelle Balkanroute

Die Route von Afghanistan in den Iran und anschließend durch die Türkei stellt den kürzesten und direktesten Landweg auf die europäischen Abnehmermärkte dar. Sie wurde schon in den 1980er Jahren oder früher für den Schmuggel von Heroin in die EU etabliert und wird seitdem häufig genutzt. Die Türkei spielt für Transporte auf der Balkanroute auf Grund ihrer starken Handelsbeziehungen und ihrer Funktion als Drehkreuz für Reisen nach Asien, in den Nahen Osten und nach Europa eine wichtige Rolle. Laut Europol handelt es sich bei Istanbul um einen Umschlagplatz, der organisierten Banden mit Unterstützung von türkischen Helfern zur Planung von Heroinlieferungen und zur Lagerung von Heroin für den Transport in die EU dient. Die Türkei bietet unterschiedliche Möglichkeiten zum Weitertransport von Heroin zu Wasser oder zu Land. Von ihr ausgehend führen drei verschiedene Teilstrecken der Balkanroute nach Westeuropa:

  • Die südliche Teilstrecke verläuft hauptsächlich über das Meer (mit Fähren) durch Griechenland, Albanien und Italien.
  • Die mittlere Teilstrecke führt vorwiegend über Land durch Bulgarien, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Slowenien entweder nach Italien oder Österreich.
  • Die nördliche Teilstrecke verläuft primär auf dem Landweg von Bulgarien und Rumänien nach Ungarn, Österreich, die Tschechische Republik, Polen oder Deutschland.

Heroin wird teilweise auch im Flugzeug aus der Türkei nach Europa geschmuggelt. Bei der Auswertung von 120 Fällen, in denen Heroin in Flugzeugen nach Europa gelangte, zeigte sich, dass es sich bei der Türkei – gefolgt von Pakistan und Kenia – um das am häufigsten genannte Herkunftsland handelte (UNODC, 2014a).

Seit 2003 ist die Türkei das Land, das der EMCDDA jährlich die größten sichergestellten Heroinmengen meldet, wobei die Höchstmenge 2009 bei 16 Tonnen lag. 2013 hat die Türkei mehr als dreimal so viel Heroin abgefangen wie die gesamte EU. Dagegen entsprach die 2001 sichergestellte Menge nur einem Drittel des in der EU beschlagnahmten Volumens. Die Größe der einzelnen Heroinlieferungen, die über die Balkanroute transportiert werden, scheint in den vergangenen Jahren zugenommen zu haben. Während früher bei einem großen Fund einige Dutzend Kilogramm sichergestellt wurden, sind es heute über 100 kg. Seit 2012 wurden auch in anderen Ländern entlang der Balkanroute, darunter Österreich, die Tschechische Republik, Deutschland und die Niederlande, Rekordmengen an Heroin sichergestellt.

Auch die Routen, auf denen das Heroin in die Türkei gelangt, können unterschiedlich sein. In den vergangenen Jahren scheint sich auf der Balkanroute eine Teilstrecke über den Irak in die Türkei etabliert zu haben, teils auf direktem Wege, teils über Syrien. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass ein Teil des Heroins, das in den Irak gelangt, entweder für den dortigen Abnehmermarkt oder für den Weitertransport in den Nahen Osten und auf die Arabische Halbinsel vorgesehen ist. Dabei ist festzuhalten, dass der Irak auch als Transit- oder Zielland für Essigsäureanhydrid dient, eine zur Herstellung von Heroin benötigte Chemikalie (vgl. unten). Beispielsweise wurde im Juli 2014 eine Lieferung von 2 200 Liter Essigsäureanhydrid von Spanien in den Irak abgefangen

Eine weitere Teilstrecke der Balkanroute führt durch den Iran sowie möglicherweise zentralasiatische Länder wie Turkmenistan über den Landweg oder das Kaspische Meer in den Kaukasus (Armenien, Aserbaidschan und Georgien) und anschließend über den Landweg oder das Schwarze Meer in die Türkei. Aus der Türkei kann das Heroin dann auf einer der üblichen Teilstrecken der Balkanroute nach Westen in die EU oder auf einer der Fähren, die zwischen der Türkei und der Ukraine auf dem Schwarzen Meer verkehren, nach Norden bzw. nach Moldau (vgl. die Bemerkungen zur Kaukasusroute unten) transportiert werden.

Früher war es üblich, Heroin beim Transport auf der Balkanroute in Lkw, Bussen und Pkw zu verstecken. Dies wird bis heute so praktiziert, es lässt sich jedoch auch der neue Trend beobachten, Heroinlieferungen in Versandcontainern zu verbergen. Der Heroinschmuggel in Seefrachtcontainern nach Europa ist vor allem im Zusammenhang mit Pakistan und der südlichen Route (vgl. unten) üblich, doch die zunehmende Nutzung von Containern, insbesondere an türkischen Häfen, könnte eine Erklärung für den Anstieg bei der Sicherstellung sehr großer Heroinmengen in der Türkei und an anderen Orten auf der Balkanroute bieten.

Während die Balkanroute vor allem dafür bekannt ist, dass sie zum Schmuggeln von Heroin nach Europa verwendet wird, ist die Schmuggelware auf der sogenannten „umgekehrten Balkanroute“, die in die andere Richtung funktioniert, Essigsäureanhydrid – manchmal im Tausch gegen Heroin. Informationen von Europol lassen darauf schließen, dass organisierte Banden an strategischen Punkten zwischen Europa und Afghanistan bestens darauf eingespielt sind, große Essigsäureanhydrid-Lieferungen abzuwickeln. Trotz strenger Kontrollmechanismen wird dieser Grundstoff vor allem aus der EU abgezweigt. Organisierte Banden nutzen eigene Scheinfirmen oder infiltrieren bestehende Unternehmen, um Essigsäureanhydrid  von in der EU ansässigen Unternehmen zu beziehen.

2. Die südliche Route

In den vergangenen Jahren haben umfangreiche Heroinlieferungen ausgehend von iranischen und pakistanischen Häfen am Golf von Oman und am Persischen Golf, insbesondere aus einem als Makran-Küste bekannten Gebiet in der pakistanischen Provinz Belutschistan, internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ein Teil dieses Heroins ist für Europa bestimmt. Diese südliche Route nach Europa erfordert verschiedene Transportmittel und Umschlagstellen, die unterschiedlich kombiniert werden können.

Heroinlieferungen verlassen iranische und pakistanische Containerterminals und Fischereihäfen an der Makran-Küste entweder versteckt in Versandcontainern auf Frachtschiffen oder auf Daus, kleineren ortsüblichen Segelschiffen. Aus den Daten über Sicherstellungen geht hervor, dass das Gewicht der einzelnen Heroinlieferungen 20 bis 500 kg betragen kann, wobei gelegentlich auch Lieferungen von rund einer Tonne beschlagnahmt werden. Daten der Combined Maritime Forces (CMF) – einer von den USA angeführten multinationalen Taskforce in Bahrain – zufolge scheint das Heroin einen relativ hohen Reinheitsgrad aufzuweisen. Bei Durchsuchungen der CMF von 2012 bis März 2014 wurden 15 Heroinlieferungen mit einem Gesamtgewicht von 4,1 Tonnen entdeckt, darunter eine Tonne, die 2014 vor der Küste Somalias sichergestellt wurde. Auch andere Drogen, wie Cannabisharz und einige synthetische Substanzen, insbesondere Methamphetamin, werden entlang dieser Route geschmuggelt. Diese sind jedoch vermutlich großteils nicht für Europa bestimmt (UNODC, 2014b, 2014d; CMF, 2014).

Das so transportierte Heroin ist für Länder auf der Arabischen Halbinsel und in Ostafrika gedacht. Einiges davon kann auch weiter nach Norden über das Rote Meer bis nach Ägypten gelangen. Ein Teil dieses Heroins dient zur Deckung der lokalen Nachfrage in Afrika und dem Nahen Osten, die zu steigen scheint  (UNODC, 2014a). Der Heroinhandel wirkt sich offenbar außerdem destabilisierend auf Ostafrika aus, da Berichten zufolge mit den Erlösen aus dem Drogenhandel bewaffnete Gruppierungen in diesem Gebiet unterstützt werden. Allerdings werden erhebliche und Berichten zufolge zunehmende Mengen auch an andere Ziele, darunter Europa, weitergeschmuggelt. Möglicherweise werden Heroinlieferungen in kleinere Einheiten unterteilt und auf dem Luftweg entweder direkt oder über das südliche und westliche Afrika nach Europa geschickt. Alternativ werden einige Lieferungen – insbesondere auf dem Seeweg, aber auch (per Bahn) zu Lande – nach Südafrika transportiert, bevor sie von dort aus nach Europa gelangen.

Kriminelle Vereinigungen aus verschiedenen europäischen Ländern, darunter die Niederlande, das Vereinigte Königreich und Irland, nutzen Südafrika schon seit geraumer Zeit als Ausgangspunkt und Umschlagplatz für Drogenlieferungen. In jüngster Zeit haben türkische Schmuggler ihre Geschäfte nach Südafrika verlagert bzw. reisen durch die Region, um Heroinlieferungen von Pakistan über das südliche Afrika in die EU zu organisieren. Zu den anderen kriminellen Vereinigungen, die sich der südlichen Route bedienen, zählen westafrikanische – hauptsächlich nigerianische –, ostafrikanische und pakistanische Banden.

Heroin gelangt auch in Containern von der Makran-Küste direkt oder über die Arabische Halbinsel und das östliche, südliche oder westliche Afrika – vor allem Nigeria – direkt nach Europa. Aus den Angaben über Sicherstellungen lässt sich ableiten, dass die Hauptziele Häfen in Belgien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich sind, obwohl die Drogen auch für den Verkauf in Nachbarländern bestimmt sein können. In den vergangenen Jahren konnten in diesen Ländern erhebliche Mengen an Heroin in Seefracht- (und gelegentlich auch Luftfracht-) Containern sichergestellt werden  (UNODC, 2014d). Große Heroinmengen, die auf dem Seeweg transportiert werden, können jedoch auch für Südeuropa vorgesehen sein. Beispielsweise wurde im Juni 2014 in der Nähe von Athen eine Rekordmenge von 2 Tonnen Heroin beschlagnahmt (Griechische Küstenwache, 2014) (Griechische Küstenwache, 2014).

Über die südliche Route können auch kleinere Heroinlieferungen per Luftkurier bzw. Luftfracht sowie auf dem Postweg von Pakistan direkt nach Europa und hier insbesondere in das Vereinigte Königreich gebracht werden. Der Transport kann auch über Flughäfen in West- und Ostafrika gehen. Zwischen Pakistan und Nigeria wird Heroin sowohl auf dem Luft- als auch auf dem Postweg transportiert. Einiges davon endet letztlich ebenfalls in Europa. Italien scheint ein wichtiges Zielland für Heroin zu sein, das per Flugzeug aus Ostafrika ankommt, während nach Frankreich und Belgien vorwiegend aus anderen Teilen Afrikas geliefert wird.

3. Die nördliche Route

Das auf der nördlichen Route geschmuggelte Heroin gelangt auf dem Landweg über die Nordgrenze Afghanistans und ist angeblich vor allem für die sehr großen Abnehmermärkte in Zentralasien, Russland, der Ukraine und Weißrussland vorgesehen. Die meisten Lieferungen überqueren die Grenze von Afghanistan nach Tadschikistan und werden von dort weiter nördlich durch Kirgisistan oder Usbekistan nach Kasachstan geschmuggelt, bevor sie Russland erreichen. Der Umstand, dass diese vier zentralasiatischen Länder und Russland zu den 20 Ländern zählen, die die weltweit größten Heroinmengen sicherstellen, belegt, dass nennenswerte Mengen des Opiats über die nördliche Route  transportiert werden (UNODC, 2014a). Ein geringer Anteil des Heroins auf der nördlichen Route gelangt möglicherweise über die EU-Grenzen nach Polen und in die baltischen Staaten. So stammte in den vergangenen Jahren in der Ukraine und Weißrussland sichergestelltes Heroin Berichten zufolge aus Zentralasien und war für die westeuropäischen Märkte bestimmt.

Flexible Routen und Vorgehensweisen

Diese Analyse zeigt, dass die sogenannten Schmuggelrouten, ebenso wie die verwendeten Transportmittel, flexibel und dynamisch an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden. Ein Beispiel dafür ist die Herausbildung einer möglichen neuen Kaukasusroute. Über diese Route werden im Goldenen Halbmond hergestellte Opiate vom Iran über Armenien, Aserbaidschan und Georgien in die Türkei verschoben. Diese Route wurde 2014 im Zuge dreier größerer Sicherstellungen entdeckt, bei denen 850 kg Heroin auf einem Lkw in Armenien, 2 500 Liter eines ungewöhnlichen Flüssigkeitsgemischs, das u. a. 589 kg Heroin enthielt und scheinbar für Moldau bestimmt war, in Georgien und 70 kg Heroin in Aserbaidschan beschlagnahmt wurden. Diese Vorfälle legen nahe, dass durch den Kaukasus mittlerweile große Opiatmengen aus dem Iran über Georgien in die Türkei geschmuggelt werden. Hierbei könnte es sich um eine weitere Teilstrecke der Balkanroute handeln, die zur Umgehung der gut kontrollierten iranisch-türkischen Grenze dient. Es ist jedoch möglich, dass ein Teil der durch den Kaukasus transportierten Opiate weiter auf die lukrativen westeuropäischen und skandinavischen Märkte oder auf den großen russischen Markt geschmuggelt werden soll. Vom Kaukasus aus gibt es sowohl auf dem Landweg als auch über das Schwarze Meer zahlreiche mögliche Verbindungen zu diesen Märkten. Beispielsweise könnte die 83 kg schwere Heroinlieferung, die im März 2013 vom weißrussischen Zoll an der litauischen Grenze in einem Lkw auf dem Weg von Georgien nach Lettland sichergestellt wurde, für eine dieser Destinationen bestimmt gewesen sein.

Schlussfolgerung: Faktoren, die sich auf die Schmuggelrouten auswirken

Schmuggelrouten verbinden Regionen, in denen Drogen hergestellt werden, mit den Abnehmermärkten und können sich im Laufe der Zeit infolge unterschiedlicher Faktoren verändern. In diesem Zusammenhang scheinen drei Aspekte von besonderer Bedeutung zu sein:

Erstens können politische Instabilität und bewaffnete Konflikte Schmuggler dazu bewegen, bestimmte Gebiete oder Länder zu meiden und andere Routen zu wählen, wenn die Sicherheit der Drogenlieferungen infolge dieser Umstände nicht gewährleistet ist. Umgekehrt können Krisengebiete Drogenströme auch geradezu anlocken, da mit einer Krise häufig die Aussetzung rechtsstaatlicher Prinzipien und der Aufstieg lokaler oder regionaler Machthaber (z. B. Warlords) einhergeht, die strategische Positionen wie Häfen und Grenzübergänge kontrollieren, welche sie Drogenschmugglern gegen Bezahlung überlassen. Wesentlich ist auch, dass bewaffnete Konflikte finanzielle Mittel, vor allem für den Kauf von Waffen, erfordern. Der Drogenschmuggel kann für eine oder mehrere Konfliktparteien eine Finanzierungsquelle darstellen. Letztlich nutzen auch die Kämpfer selbst oft Drogen zur Stimulierung, um über längere Zeit wach bleiben zu können oder zur Schmerzbekämpfung. Ein Beispiel hierfür ist das ethnolinguistische Gebiet Belutschistan, dessen Instabilität auf verschiedene Faktoren zurückzuführen ist, darunter eine schwache Führung und Aktivitäten bewaffneter radikalislamistischer und anderer Gruppierungen, wobei die Lage durch die Herstellung und den Schmuggel von Drogen und deren Bekämpfung durch die Behörden noch verschärft wird. Südafghanistan, wo ein Großteil des Opiums bzw. Heroins produziert wird, ist Teil von Belutschistan, ebenso wie Pakistan und der Iran, durch die erhebliche Opiatmengen geschmuggelt werden. Auch in Afrika gibt es zahlreiche instabile Regionen oder Gebiete mit schwacher Führung, was sich die organisierte Kriminalität für den Drogenschmuggel zunutze macht (Schuberth, 2014).

Zweitens können Änderungen von Strafverfolgungsaktivitäten und Einsatzorten sowie die Einführung neuer Technologien (z. B. Scanner) oder Verfahren (z. B. Durchsuchung sämtlicher Passagiere und Gepäckstücke auf bestimmten Flug- oder Schiffsverbindungen) Schmuggler dazu veranlassen, ihre Routen oder Vorgehensweisen anzupassen, wenn die Sicherstellungsquote für profitable Geschäfte zu hoch wird. Zu beachten ist auch, dass die Änderung von Kontrollverfahren oder der Wechsel der Einsatzorte von Kontrollpersonal zur Entdeckung von Schmuggelrouten führen können, die nur scheinbar neu sind und in Wirklichkeit schon seit längerer Zeit genutzt werden. Tatsächlich ist die Ausforschung von Drogenschmuggelrouten in hohem Maße von den Strafverfolgungsaktivitäten abhängig. Dies gilt insbesondere für die Sicherstellung von Drogen in Fällen, in denen Ursprung und Ziel der Lieferung ausfindig gemacht werden können.

Drittens wurden durch die Globalisierung Kanäle für die rasche Kommunikation und den schnellen Transport zwischen Drogenherstellern und Abnehmermärkten geschaffen. Die jüngsten Entwicklungen in der internationalen Transportinfrastruktur, in der Containerschifffahrt und im Kurierdienstbereich bieten Schmugglern neue Möglichkeiten zur Verschleierung von Drogenlieferungen und erschweren es den Behörden, diese abzufangen.

2. Interaktive Grafik: Hauptschmuggelrouten nach Europa

Die nachfolgenden Inhalte sind derzeit nur in englischer Sprache verfügbar.

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3. Facts and figures — heroin in Europe at a glance

Hinweis:

Alle Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2013.

(1) Schätzung des Ausmaßes des problematischen Opioidkonsums (vorwiegend Heroin) in der EU und Norwegen.

(2) Es liegen Informationen über rund 436 000 Drogenabhängige vor, die sich in Europa (in der EU, Norwegen und der Türkei) einer Behandlung durch Spezialisten unterzogen haben. Die von den Behandlungsstellen erfassten Daten können sich von Land zu Land unterscheiden.

(3) Opioide, ggf. in Kombination mit anderen Drogen, spielen in 8 von 10 (79 %) gemeldeten drogenbedingten Todesfällen (Überdosierungen) in Europa eine Rolle.

(4) Die Zahlen für 2013 verstehen sich als Schätzungen. Lagen keine Angaben für 2013 vor, wurden zur Berechnung der europäischen Gesamtwerte stattdessen Daten aus dem Jahr 2012 herangezogen. Die Daten beinhalten alle Arten von sichergestelltem Heroin mit Ausnahme von flüssigem Heroin.

(5) IQR: Interquartilspanne, also der Bereich der mittleren Hälfte der vorliegenden Angaben.

Quelle: EMCDDA/nationale Reitox-Knotenpunkte,  EMCDDA (2015b)

Problematischer Opioidkonsum(1) Geschätzte Anzahl
1,3 Mio.
  Anzahl (% aller Aufnahmen wegen Drogenkonsums)
Drogenbehandlung(2) Alle Aufnahmen in der EU 135 000 (35 %)
Erstaufnahmen in der EU 20 000 (14 %)
Drogenbedingte Todesfälle(3) (alle Drogen) Geschätzte Anzahl
6 100
  Anzahl (% der Drogendelikte insgesamt)
Drogendelikte in Bezug auf Heroin Alle Delikte 60 000 (5 %)
Delikte im Bereich Konsum/Besitz für den Eigengebrauch 37 800 (4 %)
Angebotsdelikte 17 000 (9 %)
 
Sicherstellungen(4) Menge (t) EU (EU, Norwegen und Türkei) 5,6 (19,1)
Anzahl 32 000 (39 000)
  Heroinbase (braunes Heroin)
Durchschnittlicher Abgabepreis (EUR pro Gramm) Spanne (IQR) (5) 25–158 (33–58)
Mean purity (%) Spanne (IQR) (5) 6–75 (13–23)

4. Die Entwicklung der Morphinproduktion im Goldenen Halbmond

opium poppy

Seit den frühen 2000er Jahren werden in Afghanistan, Pakistan und im Iran jährlich mehrere Tonnen an Opium und illegalem Morphin sichergestellt (EMCDDA und Europol, 2013). In den Jahren 2010 bis 2012 beliefen sich die Sicherstellungen von illegalem Morphin auf etwa 111 Tonnen in Afghanistan, 22 Tonnen im Iran und 12 Tonnen in Pakistan. Im selben Zeitraum wurden in Afghanistan 231 Tonnen, im Iran 1160 Tonnen und in Pakistan 73 Tonnen Opium beschlagnahmt (vgl. Abbildung 2).

Dies belegt, dass ein Teil der afghanischen Opiumernte nicht im Land zu Heroin weiterverarbeitet wird, und dass es außerhalb Afghanistans Märkte für Opium und Morphin gibt. Obwohl relativ große Mengen an Opium als solches im Iran und in Pakistan, wo Märkte dafür existieren, konsumiert werden, ist es doch wahrscheinlich, dass ein Teil zusammen mit Morphin zur Herstellung von Opiatprodukten verwendet wird. Hierzu könnte eine ganze Reihe von Hypothesen aufgestellt werden.

 

Quelle: UNODC, 2014a.

Ein Teil des Opiums und Morphins dient zur Herstellung von Heroin in Pakistan und im Iran, sowie möglicherweise in anderen, weiter entfernten , zum Teil europäischen Ländern. Beispielsweise wurden Ende 2013 und Anfang 2014 in Spanien zwei Einrichtungen sichergestellt, in denen Morphin zu Heroin verarbeitet wurde.

Teilweise wird es auch zur legalen oder illegalen Herstellung von Arzneimitteln wie injizierbarem Morphin und codeinhaltigen Hustensäften in Pakistan und im Iran verwendet. Es ist davon auszugehen, dass in diesen Ländern große Mengen derartiger Produkte abgesetzt werden. Beispielsweise existieren in Pakistan zahlreiche nicht regulierte Apotheken und Geschäfte, in denen kontrollierte Substanzen wie Morphin rezeptfrei bezogen werden können (UNODC, 2013). Diese Produkte können auch in Nachbarländer ausgeführt werden.

Literaturverzeichnis

heroinRoutesCharts.js
 Download in JS Format
highcharts.js
 Download in JS Format
Opioid trafficking routes_POD2015.pdf
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Page last updated: Friday, 25 November 2016