Kurzinformationen für Politik und PraxisMaßnahmen zur Eindämmung von Problemen im Zusammenhang mit dem Cannabiskonsum

Problemstellungen

Cannabiskonsum kann eine Reihe physischer und psychischer Erkrankungen sowie soziale und wirtschaftliche Probleme nach sich ziehen oder verschärfen. Die Probleme treten mit umso größerer Wahrscheinlichkeit auf, wenn der Konsum bereits in jungen Jahren beginnt und sich zu einem regelmäßigen und langjährigen Konsum entwickelt. Mit gesundheits- und sozialpolitischen Maßnahmen zur Eindämmung des Cannabiskonsums und der damit verbundenen Probleme sollten daher in erster Linie die folgenden Zielsetzungen verfolgt werden:

  • Prävention des Konsums oder Verzögerung seines Beginns vom Jugendalter in das junge Erwachsenenalter;
  • Prävention einer Verstärkung des Cannabiskonsums vom gelegentlichen zum regelmäßigen Konsum;
  • Eindämmung schädlicher Formen des Konsums;
  • Bereitstellung von Interventionen, einschließlich Behandlungen, für Personen, deren Cannabiskonsum problematisch geworden ist.

Mögliche Maßnahmen

  • Präventionsprogramme, wie etwa mehrere Komponenten umfassende schulische Interventionen, die auf die Entwicklung von sozialer Kompetenz und Widerstandsgewissheit, die Förderung der Fähigkeit, gesunde Entscheidungen zu treffen und Probleme zu bewältigen, sowie die Korrektur normativer Fehleinschätzungen des Drogenkonsums abzielen, familienbasierte Interventionen sowie strukturierte computergestützte Interventionen.
  • Kurzinterventionen, wie beispielsweise motivierende Gesprächsführung in Notaufnahmen oder Einrichtungen der medizinischen Grundversorgung.
  • Behandlung: Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass kognitive Verhaltenstherapie, motivierende Gesprächsführung und Kontingenzmanagement geeignet sind, den Cannabiskonsum und die damit verbundenen Schädigungen kurzfristig einzudämmen, eine multidimensionale Familientherapie dazu beitragen kann, den Konsum junger Klienten mit schwerwiegenden Problemen zu senken, und einige internet- und computergestützte Interventionen den Cannabiskonsum kurzfristig verringern können.
  • Maßnahmen der Schadensminimierung, die beispielsweise auf die Eindämmung der mit dem Rauchen von Cannabis – insbesondere in Kombination mit Tabak – verbundenen Schädigungen abzielen.

Die Situation in Europa

  • Maßnahmen der universalen Prävention sind weit verbreitet, jedoch nicht immer evidenzbasiert. Konzepte der selektiven Prävention kommen in einigen europäischen Ländern zum Einsatz, zumeist bei jugendlichen Straftätern oder Jugendlichen in Betreuungseinrichtungen. Über ihre Wirksamkeit ist jedoch nur wenig bekannt. Indizierte Prävention und Kurzinterventionen sind offenbar kaum verbreitet.
  • Während zahlreiche EU-Länder im Rahmen allgemeiner Drogenbehandlungsprogramme auch Leistungen für Personen mit cannabisbedingten Problemen anbieten, sind in etwa der Hälfte der Länder Therapien speziell für Cannabiskonsumenten verfügbar. Die Behandlung erfolgt größtenteils in kommunalen oder ambulanten Einrichtungen sowie zunehmend auch über das Internet.

Überblick über die verfügbare Evidenz

Interventionen zur Verhinderung oder Verzögerung des Cannabiskonsums

Mögliche Maßnahme Qualität der Evidenz

Mehrere Komponenten umfassende Interventionen sind geeignet, den Alkohol- und Cannabiskonsum zu verringern, wenn sie an Schulen durchgeführt werden, Ansätze der sozialen Einflussnahme verfolgen und auf die Korrektur normativer Fehleinschätzungen des Drogenkonsums sowie die Entwicklung von sozialer Kompetenz und Widerstandsgewissheit abzielen. Programme, in deren Rahmen lediglich Informationen über die Risiken des Drogenkonsums bereitgestellt werden, haben sich im Hinblick auf die Konsumprävention nicht als wirksam erwiesen.

Evidenz mittlerer Qualität

Universale, familienbasierte Maßnahmen, wie etwa Familias Unidas, Focus on Kids oder Strengthening Families 10–14, können einen Cannabiskonsum unter Umständen wirksam verhindern, wenn sie in unterschiedlichen Settings und Bereichen durchgeführt werden.

Evidenz mittlerer Qualität

Strukturierte, computergestützte Interventionen können einen Cannabiskonsum unter Umständen wirksam verhindern, wenn sie an Schulen oder in Familiengruppen durchgeführt werden.

Evidenz geringer Qualität

Eine motivierende Gesprächsführung zur Eindämmung des Cannabiskonsums kann unter Umständen wirksam sein, wenn sie in Notaufnahmen oder Einrichtungen der medizinischen Grundversorgung eingesetzt wird.

Evidenz geringer Qualität

Unklar ist, ob schulbasierte Kurzinterventionen geeignet sind, den Substanzkonsum unter jungen Menschen zu verringern. Es liegen allerdings einige Hinweise darauf vor, dass sie möglicherweise einen gewissen Einfluss auf den Cannabiskonsum haben könnten.

Evidenz geringer Qualität

Zeichenerklärung

  • speedometer at highEvidenz höherer Qualität— mindestens eine aktuelle systematische Auswertung hochwertiger Primärstudien mit kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten sprechen für die Durchführung der Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden.
  • speedometer at mediumEvidenz mittlerer Qualität— mindestens eine aktuelle Auswertung einiger Primärstudien zumindest mittlerer Qualität mit insgesamt kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten lassen den Schluss zu, dass diese Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden, hilfreich sein dürften; es werden jedoch weitere Evaluierungen empfohlen.
  • speedometer at lowEvidenz geringer Qualität— einige Primärstudien hoher oder mittlerer Qualität, aber keine Auswertungen verfügbar ODER es liegen Auswertungen mit inkohärenten Ergebnissen vor. Es liegen gegenwärtig nur begrenzte Evidenzdaten vor, aber die verfügbaren Daten sind vielversprechend. Es könnte sich also unter Umständen lohnen, diese Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, insbesondere im Zusammenhang mit der Ausweitung von Diensten, um neue oder bislang nicht gedeckte Bedürfnisse zu erfassen; es sind jedoch Evaluierungen erforderlich.

Behandlung problematischer Cannabiskonsumenten

Mögliche Maßnahmen Qualität der Evidenz

Verhaltensorientierte Maßnahmen (z. B. kognitive Verhaltenstherapie, motivierende Gesprächsführung und Kontingenzmanagement) können den Konsum eindämmen und das psychosoziale Verhalten von Erwachsenen und Heranwachsenden kurzfristig verbessern.

Evidenz mittlerer Qualität

Die multidimensionale Familientherapie trägt insbesondere bei jungen Klienten mit schwerwiegenden Problemen dazu bei, den Konsum zu verringern und den Verbleib in der Behandlung zu verbessern.

Evidenz mittlerer Qualität

Internet- und computergestützte Interventionen können den Cannabiskonsum zumindest kurzfristig wirksam eindämmen und stellen eine kostengünstige Methode dar, um eine Vielzahl von Cannabiskonsumenten zu erreichen.

Evidenz geringer Qualität

Zeichenerklärung

  • speedometer at highEvidenz höherer Qualität— mindestens eine aktuelle systematische Auswertung hochwertiger Primärstudien mit kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten sprechen für die Durchführung der Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden.
  • speedometer at mediumEvidenz mittlerer Qualität— mindestens eine aktuelle Auswertung einiger Primärstudien zumindest mittlerer Qualität mit insgesamt kohärenten Ergebnissen. Die Evidenzdaten lassen den Schluss zu, dass diese Maßnahmen in dem Kontext, in dem sie evaluiert wurden, hilfreich sein dürften; es werden jedoch weitere Evaluierungen empfohlen.
  • speedometer at lowEvidenz geringer Qualität— einige Primärstudien hoher oder mittlerer Qualität, aber keine Auswertungen verfügbar ODER es liegen Auswertungen mit inkohärenten Ergebnissen vor. Es liegen gegenwärtig nur begrenzte Evidenzdaten vor, aber die verfügbaren Daten sind vielversprechend. Es könnte sich also unter Umständen lohnen, diese Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, insbesondere im Zusammenhang mit der Ausweitung von Diensten, um neue oder bislang nicht gedeckte Bedürfnisse zu erfassen; es sind jedoch Evaluierungen erforderlich.

Konsequenzen für Politik und Praxis

Grundlegendes

  • Zu den zentralen Maßnahmen in diesem Bereich zählen allgemeine Präventionskonzepte, die darauf abzielen, den Konsum zu verhindern oder zu verzögern, Kurzinterventionen für Drogenkonsumenten mit kleineren Problemen und formale Behandlungsmaßnahmen für Personen mit schwerwiegenderen Problemen.

Mögliche Maßnahmen

  • Es sollte ein größeres Augenmerk auf Konzepte der Schadensminimierung bei Cannabiskonsumenten gelegt werden, insbesondere mit Blick auf die Konsummuster und den gleichzeitigen Konsum von Tabak.
  • Verstärkter Einsatz internetgestützter Maßnahmen zur Gesundheitsförderung.
  • Die weltweit zu beobachtenden neuen Regulierungsmodelle für Cannabis können wertvolle Informationen über das Für und Wider unterschiedlicher Regulierungsoptionen und deren wahrscheinliche Auswirkungen auf Maßnahmen zur Eindämmung cannabisbedingter Probleme bieten.

Defizite

  • Nach wie vor besteht die Notwendigkeit, die Beschaffenheit cannabisbedingter Störungen sowie die wirksamsten und am besten geeigneten Behandlungsoptionen für die unterschiedlichen Klienten besser verstehen zu lernen.
  • Es werden weitergehende Kenntnisse über die Behandlungsformen benötigt, die in Europa von der steigenden Zahl von Cannabiskonsumenten, die sich erstmals in Behandlung begeben, in Anspruch genommen werden, um ein angemessenes und wirksames Angebot sicherzustellen.

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