Kurzinformationen für Politik und PraxisÄltere problematische Opioidkonsumenten

icon older people problematic use

Problemstellungen

Ein zunehmender Anteil der problematischen Opioidkonsumenten in Europa ist über 40 Jahre alt. Dementsprechend steigt auch das Alter der Drogenkonsumenten, die sich in Drogenbehandlung befinden oder an einer Überdosierung von Opioiden sterben.

Bei diesen älteren Opioidkonsumenten kann der physische Alterungsprozess durch die kumulativen Auswirkungen von Mehrfachkonsum, Überdosierung und Infektionen über viele Jahre hinweg beschleunigt werden. Ältere Menschen mit opioidbedingten Problemen leiden häufiger an degenerativen Erkrankungen, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Pneumonie, Kurzatmigkeit, Diabetes, Hepatitis und Leberzirrhose als ihre Altersgenossen oder jüngere Drogenkonsumenten. Unter Umständen sind sie auch anfälliger für Infektionen, Überdosierungen und Suizid.

Darüber hinaus verfügen sie mitunter aufgrund vorzeitiger Todesfälle und wegen ihrer Stigmatisierung nur über ein unzureichendes soziales Netz, wodurch ihre soziale Ausgrenzung und familiäre Isolation weiter verschärft werden kann. Stigmatisierung und Scham wegen ihres fortgesetzten Drogenkonsums können ebenfalls dazu beitragen, dass sie keine Hilfe in Anspruch nehmen.

Mögliche Maßnahmen

Für diese Personengruppe sind unter anderem die folgenden Maßnahmen erforderlich:

  • Auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnittene Drogenbehandlungseinrichtungen müssen eine multidisziplinäre Betreuung anbieten, um sowohl ihren medizinischen und psychologischen Bedürfnissen als auch ihrer sozialen Isolation Rechnung zu tragen.
  • Verbesserte Verfügbarkeit und Inanspruchnahme antiviraler Hepatitis-C-Therapien.
  • Spezialisierte Pflegeheime für die stationäre Langzeitpflege älterer Drogenkonsumenten.
  • Sensibilisierung und Schulung der für ältere Menschen zuständigen Mitarbeiter von Gesundheits- und Sozialdiensten mit Blick auf den Umgang mit den Bedürfnissen älterer Menschen mit drogenbedingten Problemen, um eine angemessene Betreuung sicherzustellen und Stigmatisierung vorzubeugen.
  • Angemessene medizinische Versorgung, einschließlich zahnmedizinischer Leistungen.
  • Unterstützung durch Interessengruppen zur Stärkung von Selbstwertgefühl, Akzeptanz und einer positiven Zukunftswahrnehmung; besonders geeignet dürften hier Selbsthilfegruppen sein.

Die Situation in Europa

  • Es müssen Dienste geplant werden, die dem künftigen Bedarf dieser wachsenden Kohorte älterer Drogenkonsumenten in Europa an medizinischer und sozialer Betreuung entsprechen.
  • In diesem Zusammenhang werden womöglich auf ältere Menschen spezialisierte Betreuungseinrichtungen benötigt, die soziale Aktivitäten und Veranstaltungen organisieren und regelmäßige Unterstützung in Selbsthilfegruppen und durch Freiwillige anbieten.
  • Es ist ein integrierter, multidisziplinärer Ansatz erforderlich, einschließlich behördenübergreifender Partnerschaften und Überweisungssystemen zwischen spezialisierten und allgemeinen Gesundheits- und Sozialdiensten, um den Bedürfnissen älterer Opioidkonsumenten Rechnung zu tragen.

Überblick über die verfügbare Evidenz

In diesem Bereich ist nur eine sehr begrenzte Evidenz verfügbar und es sollten vermehrt Evaluierungen innovativer Interventionen vorgenommen werden. Aus einigen Studien können jedoch gewisse Rückschlüsse gezogen werden:

  • Eine im Vereinigten Königreich durchgeführte Studie ergab, dass ältere Drogenkonsumenten für ein Bewegungsprogramm in einem Fitnessstudio gewonnen werden konnten, ihre Teilnahmefähigkeit jedoch durch eine Vielzahl sozialer Probleme eingeschränkt wurde.
  • „Men‘s Shed“-Programme in Australien, Kanada, Irland und dem Vereinigten Königreich ermutigten ältere Männer, durch den Erwerb neuer Fähigkeiten, den Aufbau sozialer Netze und die Teilhabe an Gemeinschaften Identitätsbewusstsein, Selbstachtung und Selbstwertgefühl zu entwickeln.
  • In Dänemark, Deutschland und den Niederlanden gibt es spezialisierte Pflegeheime für ältere Menschen mit drogenbedingten Problemen, die nicht für sich selbst sorgen können. In den Vereinigten Staaten wurde das Geriatric Addiction Program entwickelt, um den Bedürfnissen älterer Menschen mit durch Substanzmissbrauch bedingten Problemen zu entsprechen. Dieses kommunale Programm bietet häusliche Interventionen bei Substanzkonsum, Situationsbewertungen und Kontakte zu Diensten für ältere Menschen. Diese Konzepte müssen evaluiert werden, um Modelle für die Erbringung geriatrischer Pflege zu entwickeln, die für unterschiedliche Personengruppen und Situationen geeignet sind.

Konsequenzen für Politik und Praxis

Für die künftige Entwicklung von Maßnahmen für diese Gruppe sind unter anderem die folgenden Konsequenzen festzuhalten:

Grundlegendes

  • Zentrale Problemstellungen für die Dienstleister sind der Umgang mit Komorbidität, chronischen Erkrankungen, Todesfällen durch Überdosierungen, vorzeitigem Altern, Einsamkeit und Isolation. Diesen Bedürfnissen kann durch die Anpassung oder Umstrukturierung der Dienste und die Entwicklung spezialisierter Leistungen entsprochen werden, die den Bedarf sowohl an medizinischer als auch an sozialer Betreuung berücksichtigen.
  • Zwischen Drogenbehandlungseinrichtungen und allgemeinen Gesundheits- und Sozialdiensten müssen eindeutige Kommunikationskanäle und Überweisungswege bestehen.

Mögliche Maßnahmen

  • Es könnten Investitionen in die Personalentwicklung in der allgemeinen Altenpflege getätigt werden, um die Kenntnisse der Mitarbeiter über die Bedürfnisse älterer Menschen mit drogenbedingten Problemen zu vertiefen und damit die Behandlung der körperlichen und psychischen Gesundheitsprobleme dieser Personengruppe zu verbessern.
  • Es könnten Protokolle für die Schmerzbehandlung bei Opioidabhängigen in Schmerz- und Palliativkliniken erarbeitet werden, um die Erbringung hochwertiger Pflegeleistungen in diesen Einrichtungen zu unterstützen.

Defizite

  • Es sollten Screening-Tools und Ergebnismessungen (outcome measures) entwickelt werden, die für ältere Menschen mit durch langjährigen Substanzmissbrauch bedingten gesundheitlichen und sozialen Problemen geeignet sind.
  • Es sollten vielversprechende Interventionen und Pflegemodelle für den Umgang mit den gesundheitlichen und sozialen Problemen der wachsenden Kohorte älterer Menschen mit opioidbedingten Problemen ermittelt und evaluiert werden, um vorbildliche Verfahren auszumachen und weiterzugeben.

Explore all resources in the Best practice portal

Collaborations and partnerships in best practice

logo of the cochrane collaboration  grade logo   grade logo  Health Evidence Network, WHO Europe