Kurzinformationen für Politik und PraxisMigranten, Flüchtlinge und Asylbewerber

icon migrants

Problemstellungen

Europa hat eine lange Migrationsgeschichte, und aufgrund seiner ethnischen und religiösen Vielfalt sind hier die Zusammenhänge zwischen ethnischer Herkunft und Drogenkonsum komplex. Infolge zahlreicher Konflikte im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika haben in der zweiten Jahreshälfte 2015 und der ersten Jahreshälfte 2016 mehr als 1,4 Millionen Menschen in der Europäischen Union Asyl beantragt. Mehr als die Hälfte der Menschen, die 2015 in der Europäischen Union Asyl beantragt haben (53 %), waren junge Erwachsene (18 bis 34 Jahre) und gehörten somit zu der Altersgruppe, in der in Europa der größte Anteil von Drogenkonsumenten zu verzeichnen ist. Aus den bereits durchgeführten Forschungsarbeiten über Migranten in Europa sind einige Erkenntnisse zu gewinnen, jedoch sind diese aufgrund der kulturellen Unterschiede und der Migrationsgründe mit Bedacht zu interpretieren.

Häufig ist der Substanzkonsum unter Migranten geringer als in ihren Aufnahmegemeinden, jedoch sind einige von ihnen unter Umständen anfälliger für Substanzmissbrauch, weil sie Traumata erlitten haben, arbeitslos und arm sind, ihre Familien und ihren sozialen Rückhalt verloren haben und sich in einem Umfeld aufhalten, in dem weniger strikte Normvorgaben gelten. Unter Umständen konsumieren sie Drogen, um mit Traumata, Einsamkeit, Unsicherheit und Frustration aufgrund ihres Einwanderungsstatus fertig zu werden. Verstärkt wird diese Anfälligkeit möglicherweise dadurch, dass ihnen Behandlungseinrichtungen weitgehend unbekannt und für sie nur schlecht zugänglich sind.

 

The EMCDDA commissioned a paper to provide background information on this topic: Migrants, asylum seekers and refugees: an overview of the literature relating to drug use and access to services

Mögliche Maßnahmen

Für diese Personengruppe sind unter anderem die folgenden Maßnahmen erforderlich:

  • Um die Bedürfnisse neu angekommener Migranten zu erkennen und ihnen zu entsprechen, benötigen die vorhandenen Dienste kulturelle Kompetenz und Unterstützung bei der Überwindung von Sprachbarrieren. In einigen Studien wird über eine geringere Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten berichtet, insbesondere im Zusammenhang mit psychischen Problemen. Je länger es dauert, einen Aufenthaltstitel zu bekommen, desto häufiger werden psychologische Dienste und Suchthilfeeinrichtungen in Anspruch genommen; es besteht jedoch noch immer ungedeckter Bedarf. Sprachprobleme und kulturelle Faktoren sind unter Umständen die Hauptgründe dafür, dass die angebotenen Dienste nur unzureichend wahrgenommen werden.
  • Nicht in allen EU-Ländern gibt es Präventionsmaßnahmen für ethnische Minderheiten. Maßnahmen zur Sensibilisierung für die potenzielle Anfälligkeit und Marginalisierung von Asylbewerbern sind weiter verbreitet. Im Rahmen einiger Maßnahmen wurden Peer-Gruppen eingesetzt, um Migranten über den Drogenkonsum und seine Risiken sowie über Hilfsdienste für Menschen mit drogen- und alkoholbedingten Problemen aufzuklären.
  • Es fehlt an politischen Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit von Migranten, zur Überwindung kultureller und sprachlicher Barrieren und zur Suchthilfe; darüber hinaus verfügt das Personal der Hilfsdienste nicht über die notwendigen Kompetenzen für den Umgang mit Migranten.

Die Situation in Europa

  • Die Durchführung von Bedarfsermittlungen und die Einrichtung von Beobachtungssystemen sind von ausschlaggebender Bedeutung für die Ermittlung und Bewältigung sich abzeichnender Probleme sowie die Schließung der in diesem Bereich gegenwärtig bestehenden Datenlücke.
  • Ein nationaler und länderübergreifender Informationsaustausch über vorbildliche Verfahren und Programme kann dazu beitragen, das Leistungsangebot zu erweitern, um den Bedürfnissen dieser gefährdeten Personengruppen zu entsprechen.
  • In künftigen Forschungsarbeiten sollte untersucht werden, welche Rolle kulturelle Kontinuitäten zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland für den Drogen- und Alkoholkonsum von Migranten spielen.

Überblick über die verfügbare Evidenz

Zentrale Risiko- und Schutzfaktoren für durch Substanzkonsum bedingte Probleme, die in der gegenwärtigen Migrationslage relevant sind

Risikofaktoren Schutzfaktoren
Alleinstehend Starke religiöse Bindungen, z. B. als gläubiger Muslim
Herkunft aus einer Kultur, in der Substanzkonsum (z. B. Opium, Khat) normal ist Starker Familienzusammenhalt
Langeweile, Arbeitslosigkeit Beherrschung der Sprache der neuen Gesellschaft, Integration in den Arbeitsmarkt oder andere Aktivitäten
Traumatische Erfahrungen Gute körperliche und psychische Verfassung
Armut  
Mangelnde Kenntnisse über Behandlungseinrichtungen  
Leben in heruntergekommenen und sozial benachteiligten Vierteln  

Konsequenzen für Politik und Praxis

Für die künftige Entwicklung von Maßnahmen für diese Gruppe sind unter anderem die folgenden Konsequenzen festzuhalten:

Grundlegendes

  • Bestimmte Gruppen von Migranten, wie beispielsweise die derzeit nach Europa strömenden Asylbewerber, sind möglicherweise anfällig für drogenbedingte Probleme. Es besteht die Notwendigkeit, das Bewusstsein für diese Anfälligkeit zu schärfen und der sozialen Ausgrenzung dieser Menschen entgegenzuwirken.
  • Die Hilfsdienste müssen auf mögliche drogenbedingte und andere gesundheitliche Probleme der Asylbewerber achten und in der Lage sein, potenzielle kulturelle und sprachliche Barrieren zu überwinden.
  • Die gesundheitlichen Bedürfnisse neu angekommener Migranten müssen beobachtet werden, wobei auch durch Substanzmissbrauch bedingte Probleme zu berücksichtigen sind.

Mögliche Maßnahmen

  • In einigen Ländern werden Dienste aufgebaut, um den Bedürfnissen bestimmter Gruppen von Migranten gerecht zu werden. Diese Dienste sollten ermittelt werden und es sollten Informationen über vielversprechende Verfahren ausgetauscht werden.

Defizite

  • Wenn spezifische Bedürfnisse ausgemacht werden, müssen neue Präventions- und Behandlungsdienste entwickelt werden. Diese müssen evaluiert werden, um die derzeit begrenzte Evidenz zu erweitern.

Explore all resources in the Best practice portal

Collaborations and partnerships in best practice

logo of the cochrane collaboration  grade logo   grade logo  Health Evidence Network, WHO Europe